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Alliierte Aufklärungsmission am Walpersberg

Underground Factories in Central Germany. CIOS Bericht in dem auch vom Walpersberg berichtet wird.
Quelle: Imperial War Museum London

Flugzeugrumpf einer Messerschmitt Me 262 im Bunker 0 der REIMAHG. Fotodokumentation der Air Force.
NARA, Washington, Referenz 342-FH-3A19956-A57264AC

Der Walpersberg liegt etwas westlich zwischen den Orten Kahla und Großeutersdorf, etwa 14 Kilometer südlich von Jena.

Mit diesen Worten beginnt der Bericht des »Combined Intelligence Objectives Sub-Commitee“ zum ehemaligen NS-Rüstungswerk REIMAHG.

Bildung des CIOS

Schon Anfang der 1940er Jahre wurde den Alliierten die technische Überlegenheit des Deutschen Reiches insbesondere in den Bereichen Artillerie, syntetische Kraftstoffe, Düsenantrieb und Raketentechnologie bewusst. Ausgehend vom Kriegsverlauf wurde der politschen und militärischen Führung der Alliierten immer deutlicher, wie groß der technische Vorsprung des Dritten Reiches wirklich war.

Kurz nach der Landung in der Normandie Mitte 1944 trafen die Briten und Amerikaner die Entscheidung eine Untereinheit des kombinieten Informationsdienstes CIC (Combined Intelligence Committee) einzurichten. Es war für die Aufklärungen des technischen und wissenschaftlichen Fortschrittes des Dritten Reiches zuständig. Als Bezeichnung wurde CIOS, also Combined Intelligence Sub-Committee gewählt. Die Federführung hatte das oberste Hauptquartier der alliierten Expeditionstruppen. (SHAEF, Supreme Headquarters of the Allied Expeditionary Force).

Ziele der Mission

Alliierte Geheimdienste fassten die wichtigsten Firmen und Einrichtungen in einer »Schwarzen Liste« und die etwas weniger wichtigen in einer »grauen Liste« zusammen. Bei der Übernahme der Objekte durch die Armee, sollten so schnell wie möglich Aufklärungs- und Dokumentationseinheiten die Waffentechnologie sichern. Es ging nicht nur um die schnelle Beendigung des Krieges in Europa, sondern auch um den Sieg im pazifischen Krieg mit Japan.

Zu den Aufklärungszielen gehörten natürlich auch die Untertageverlagerungsprojekte der Deutschen Rüstungsindustrie. Nicht nur der Walpersberg unter dem Decknamen Lachs gehörte dazu. Eine der umfangreichsten Listen dieser Geheimobjekte finden Sie auf unserer Unterseite: Decknamenliste.

Als im Juli 1945 das SHAEF und damit auch das CIOS Kommando aufgelöst wurde, waren über 3.000 Objekte dokumentiert.
Gleichzeitig gründeten jeweils die Briten mit dem BIOS (British Intelligence Objectives Subcommittee) und die Amerikaner mit dem FIAT (Field Information Agency, Technical) eigene Missionen, welche in den jeweiligen Besatzungszonen, aber auch in Frankreich und Belgien, teilweise auch in der sowjetischen Besatzungszone die Arbeit des CIOS weiterführten.

Nicht alle Objekte konnten so intensiv untersucht werden wie andere. Gerade auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone stand den Teams meistens nur eine geringe Zeitspanne zur Verfügung. Am Walpersberg war das der Zeitraum bis zur Übergabe an die Sowjetarmee im Juni 1945.

In diesem Zeitraum entstanden Berichte, Fotos, Zeichnungen und Videoaufnahmen, teilweise auch in Farbe. Vorhandene und gefundene Dokumente wurden gesichert und abtransportiert, genauso wie Flugzeugteile und fast fertige Flugzeuge.

 

Planung des unterirdischen Rüstungswerkes entworfen von Ernst Flemming. Das Team 163 des CIOS zeichnete die existierenden Stollen schwarz ein. Grau hinterlegt ist die ursprüngliche Planung.
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Weiterentwicklung nach 1945

Das Aufgabenspektrum der CIOS Nachfolgemissionen beschränkte sich jedoch nicht nur auf Objekte. Ziele konnten auch Personen, insbesondere Wissenschaftler werden, welche ein hohes Wissen über den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt hatten. Diese wurden verhört und die Protokolle in »Interrogation Reports« verarbeitet. Dabei wurde die Joint Intelligence Objectives Agency (JIOA) als Hilfsabteilung von FIAT gegründet. Diese veröffentlichte ebenfalls  Übersichten über die Deutsche Industrie. Darunter fallen auch drei Berichte zu den deutschen Untertageverlagerungen.

Keiner der genannten Missionen verfügte über permanente Mitarbeiterstrukturen. Viele der Teams wurden mit zivilen Experten aus den jeweiligen Branchen aufgestellt. Ebenso gehörten auch Mitarbeiter des Amerikanischen Geheimdienstes OSS zum Personal. Das CIOS Kommando unterstand jedoch dem Militär. Das führte  dazu, dass nach dem Sieg gegen das faschistische Deutschland und nach Ende des Weltkrieges im Pazifikraum, die Ziele der Kommandos auch kommerziellen Nutzen hatten. Es gab ein großes Interesse, die Fortschritte der Deutschen Industrie und Wissenschaft für eigene Unternehmen nutzbar zu machen, im zivilen wie auch im militärischen Bereich.

Der CIOS Bericht zum Walpersberg

Am Walpersberg bei Kahla hatte man den Fertigungsleiter Dr. Helmut Steinmann festsetzen können. Er gab Auskunft über Organisation, Produktion, Planung und Ausführung des geplanten, aber nie fertig gestellten Rüstungswerkes.

Steinmann gab im Gespräch mit den Amerikanern vor allem Fritz Sauckel die Schuld dafür, dass das Projekt nicht so schnell fertig wurde wie geplant. Dabei führte er inbesondere den Größenwahn des Gauleiters und dessen Einmischung in die Bauweise des Stollensystems und der Bunker auf.

Im CIOS Report XXXII-17 berichtet zudem auch der Leiter des Einsatzstabes der Firma Dyckerhoff & Widmann, Herbst (kein Vorname genannt) über die Arbeiten seiner Firma.

Alle CIOS Berichte sind heute im Imperial War Museum in London und im NARA Washington einzusehen. Im Nara unter der Record Group 331, Findnummer 575531.

Eingang in die Stollenanlage am Walpersberg. Fotodokumentation der Air Force.
NARA, Washington, Referenz 342-FH-3A19955-57264AC