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Zwangsarbeit

Kriegsproduktion und Verbrechen bei der REIMAHG 1944–1945

Dieses Bild zeigt das Lager 8 des NS-Rüstungswerkes REIMAHG bei Kahla in Thüringen. Es wurde von Ernst Große aus Bibra als Jugendlicher aufgenommen. Die primitiven Zeltewurden im Juni 1944 auf der Wiese seiner Familie errichtet. 

Zwangsarbeit war den Bauern der Umgebung durch Arbeitskräfte auf dem eigenen Hof bekannt. Dieser Einsatz brachte jedoch die Auswirkungen der NS-Ideologie in jedes Dorf der Region. 

Zum Titel

Quellen / Dank

Impressum

Zwangsarbeit vor dem Nationalsozialismus

Seit Menschen arbeiten gibt es auch unfreie Arbeit. Erst mit der bürgerlichen Gesellschaft wurde die freie Arbeit als Selbstverwirklichung zum Ideal. Unfreie, also unter Zwang ausgeführte Arbeit wurde hingegen im 19. und 20. Jahrhundert immer mehr zu einem Werkzeug politischer Gewalt.

Bei Zwangsarbeit im modernen Sinne geht es nicht in erster Linie um die hergestellten Produkte, sondern um die Anwendung von Gewalt. Sie stärkt den Staat, der sie ausübt, und macht den zur Arbeit Gezwungenen klar, dass sie eine niedrige und entrechtete Position in der
Gesellschaft haben.

Im Laufe des 19. und im 20. Jahrhundert wurde
Zwangsarbeit immer wieder mit rassistischer Verfolgung und Vernichtung verbunden. Dies wurde im National-
sozialismus in einer extremen Form praktiziert, hatte aber auch zu dieser Zeit schon historische Vorläufer.

Insbesondere in den deutschen und europäischen
Kolonien hatte es bereits Zwangsarbeitssysteme
gegeben. Zu deren Rechtfertigung wurde der Begriff »Zwangsarbeit« besonders wichtig:

Von Zwangsarbeit zu sprechen, erlaubte den
europäischen Kolonialmächten, sich von der Sklaverei abzugrenzen, die mittlerweile verboten und geächtet war. Der Zwangsarbeit wurde eine erzieherische
Funktion zugeschrieben, während Sklaverei als
rückschrittlich und primitiv dargestellt wurde. So
rechtfertigten die kolonisierenden Staaten auch die im Rahmen ihrer Zwangsarbeitsregime ausgeübte Gewalt als Teil ihrer angeblich zivilisierenden Tätigkeit.

Ob es eine direkte Übertragung von Erfahrungen aus den deutschen Kolonien zum Nationalsozialismus
gegeben hat, ist in der Forschung umstritten. Jedoch
lassen sich in den Kolonien bereits einige Aspekte finden, die auch für das nationalsozialistische und andere
spätere Zwangsarbeitssysteme kennzeichnend waren.

Was ist Zwangsarbeit?

Zwangsarbeit heißt, dass Beschäftigte gegen ihren Willen zur Arbeit gezwungen werden und dies mit außerökonomischen, das heißt, nicht mit Bezahlung verbundenen, und staatlichen
Zwangsmaßnahmen, d.h. mit Gewalt, durchgesetzt wird.

Dieses Arbeitsverhältnis besteht auf unbestimmte Zeit und kann von den Zwangsarbeitenden nicht aufgelöst oder gekündigt werden. Zudem haben Menschen, die Zwangsarbeit leisten müssen, keine oder nur sehr geringe Möglichkeiten, auf die Umstände des Arbeitseinsatzes Einfluss zu nehmen.

Kriegsgefangene Herero im Konzentrationslager Swakopmund,
Fotoalbum von Friedrich Stahl
(Inv. E10/322, Nr. 45), ©Stadtarchiv Nürnberg

Der Nationalsozialismus

Die Zeit von 1933 bis 1945, in der Adolf Hitler – zunächst als gewählter Reichskanzler, später auch als selbsternannter Führer – mit der NSDAP in Deutschland an der Macht war, bezeichnet man heute als Zeit des Nationalsozialismus. Der Nationalsozialismus war keine widerspruchsfreie und in sich geschlossene Ideologie, sondern umfasste verschiedene ideologische Strömungen. Gemeinsam war ihnen vor allem, von einer totalen Ungleichwertigkeit verschiedener Menschen auszugehen.

Auf Grundlage von Rassismus, Antisemitismus und Sozialdarwinismus wurden Menschen, die nicht in das konstruierte Idealbild einer nationalsozialistischen Gesellschaft passten, zunächst ausgegrenzt, zunehmend verfolgt, letztlich vielfach ermordet. 

Vor allem Menschen, die nach den nationalsozialistischen Kriterien als jüdisch, slawisch oder behindert galten oder Minderheiten wie Roma zugeordnet wurden, wurden Opfer dieser Verfolgungs- und Vernichtungspolitik. Sie traf aber auch politisch Andersdenkende, homosexuelle Menschen, Zeugen Jehovas, Menschen, die keiner geregelten Lohnarbeit nachgingen oder Unterhaltszahlungen für ihre Kinder verweigerten und viele andere. Doch auch für diejenigen, die an der nationalsozialistischen Gesellschaft partizipieren durften, war diese Gesellschaft eine radikal hierarchische: 

Sie basierte auf Gewalt, Auf- und Abwertung, Leistungszwang und Militarismus.

Die nationalsozialistische Weltanschauung zielte auf den Krieg. Im Zweiten Weltkrieg konnte die ohnehin in der Ideologie angelegte Gewalt voll zum Ausbruch kommen – weit über das für Kriege übliche Maß hinaus. Über
60 Millionen Menschen fielen insgesamt von 1939 bis 1945 den Kampfhandlungen zum Opfer, über 13 Millionen Menschen wurden im Rahmen der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik ermordet.

Die verbrecherische und gewalttätige Dimension des Nationalsozialismus zeigte sich nicht nur in dessen oberster Führungsriege oder im Rahmen der Kriegshandlungen. Selbstermächtigung und Ausschluss, Hierarchie und Entrechtung, Profit und Ausbeutung, Verfolgung und Selbstjustiz, Deportation und Ermordung spielten sich im Lokalen und Alltäglichen ab, vor Ort, in der Nachbarschaft, in Thüringen genauso wie an anderen Orten des Reiches.

Sozialdarwinismus

Der Begriff des Sozialdarwinismus nimmt Bezug auf den Naturforscher Charles Darwin (1809-1882). Dessen in der Tierwelt gewonnenen Erkenntnisse wurden im Sozialdarwinismus auf den Menschen übertragen, darunter die Vorstellung, dass sich der Stärkere durchsetze. Kritisiert wird am Sozialdarwinismus unter anderem die unkritische und fehlerhafte Übertragung von biologischen Gesetzmäßigkeiten auf menschliche Gesellschaften. In der Gegenwart bezeichnet der Begriff eine menschenverachtende Perspektive auf gesellschaftliche Minderheiten und sozial Schwächere.

Antisemitische und antiziganistische Verfolgung

Menschen wurden in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und in großer Zahl ermordet, wenn sie aus Sicht der nationalsozialistischen Ideologie zu einer unerwünschten Gruppe gehörten. Entscheidend dafür waren die Kategorien und Einordnungen durch die Nazis – nicht die Zugehörigkeiten der betroffenen Menschen. Maßgeblich für die Verfolgung als Jude oder Jüdin waren also nicht die Selbstbezeichnungen oder Bekenntnisse dieser Menschen, sondern die Nürnberger Rassengesetze von 1935 und deren rassistische Kategorien. 

Auch für die Verfolgung von Angehörigen von Roma-Gruppen war der Blick von außen entscheidend – ob sich die betreffenden Personen selbst als Angehörige der Roma, der Sinti, der Manusch, der Kale oder überhaupt als Teil von Roma-Gesellschaften verstanden, war nicht relevant. 

Verfolgt wurden diese Menschen aufgrund des Antisemitismus bzw. des romafeindlichen Rassismus, nicht aufgrund ihrer Eigenschaften oder Zugehörigkeiten.

Einmarsch der Wehrmacht in das Sudetenland.

Quelle: Bundesarchiv, Bild 137-004055 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5418581

Sauckels Propagandaplakat  »Thüringen ist Hitlerland«

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File :SauckelAufruf.jpg

Haftbegründungen der Kriminalpolizei im Rahmen der Aktion »Arbeitsscheu Reich«, Sommer 1938:

»[…] S. ist hier als arbeitsscheuer Mensch bekannt, der nur notgedrungen Gelegenheitsarbeiten verrichtet, um seinen Lebensunterhalt zu fristen. Meist erhält er Wohlfahrtsunterstützung und fällt somit der öffentlichen Fürsorge zur Last. […] Er ist allgemein als Trunkenbold bekannt.«

Aktion »Arbeitsscheu Reich«

Im Juni 1938 führte die Kriminalpolizei die Aktion »Arbeitsscheu Reich« durch. Mehr als 10.000 als »asozial« eingestufte Personen wurden in Konzentrationslager verschleppt. Es handelte sich hauptsächlich um Obdachlose und arme Alkoholkranke, in geringerer Zahl auch um Personen, die mit Unterhaltszahlungen im Rückstand waren. Unter den Eingelieferten waren zudem viele Menschen, die als Roma verfolgt wurden. Die Zahl der Gefangenen in den KZs verdoppelte sich. Es kam auch zu gezielten Massenverhaftungen von durch die Nazis als jüdisch eingestuften Menschen; allein in Berlin wurden zwischen 1.000 und 2.000 Personen festgenommen. Auslöser hierfür war eine antisemitische Rede des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels am 10. Juni 1938.

Auch nach dem Sommer 1938 lieferte die Kriminalpolizei weiterhin Männer und zunehmend auch Frauen als »Asoziale« in die Konzentrationslager ein. Männern wurde meist ihr als mangelhaft bewertetes Arbeitsverhalten, Frauen in der Regel ihr angebliches Fehlverhalten im Sexualleben vorgeworfen.

Beschränkung des Arbeitsplatzwechsels und Arbeits-erziehungslager

Zu Kriegsbeginn wurde die »Verordnung über die Beschränkung des Arbeitsplatzwechsels« erlassen. Nun konnte die Arbeitsstelle nur gewechselt werden, wenn das Arbeitsamt zustimmte. Diese und weitere Maßnahmen wie Lohnkürzungen oder Arbeitszeitverlängerungen sorgten in der Bevölkerung für Unmut. Teile der Arbeiterschaft begegneten dem wachsenden Druck mit verlangsamtem Arbeiten. Die Führung des Regimes reagierte darauf mit äußerster Schärfe und der Einrichtung von Arbeitserziehungslagern. Sie entstanden 1940 und unterstanden den regionalen Stellen der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), also der politischen Polizei. Widerständige Menschen wurden dort bis zu 56 Tage bei schwerster Zwangsarbeit eingesperrt.

In den folgenden Jahren wurde ein nahezu flächendeckendes System von Arbeitserziehungslagern im Reich installiert. Zu Beginn bildeten Deutsche die Mehrheit der Inhaftierten, später zur Zwangsarbeit
verpflichtete Menschen aus anderen Ländern.

»Vor 300 Polizeioffizieren in Berlin gesprochen. Ich putschte richtig auf. Gegen jede Sentimentalität. Nicht Gesetz ist die Parole, sondern Schikane. Die Juden müssen aus Berlin heraus. Die Polizei wird mir dabei helfen.«

Quelle: Elke Fröhlich (Hg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels, Teil 1: Aufzeichnungen 1923 – 1941, Band 5:  Dezember 1937 – Juli 1938, München 2000, S.340f.

Arbeitszwang für Angehörige des Deutschen Reichs

Arbeit bedeutete im Nationalsozialismus nicht für jeden Menschen das Gleiche. Verfolgte Bevölkerungsgruppen mussten Zwangsarbeit leisten. Demgegenüber galt die Arbeit von als »arisch« geltenden Deutschen als »Ehrendienst am deutschen Volk«. Die rassistische Leistungsideologie überdeckte soziale Gegensätze und schuf Vorwände, unliebsame Teile der Bevölkerung zu verfolgen.
Zunächst wurden Menschen, die nicht in das Weltbild der Nazis passten, aus ihren Berufen und der Berufstätigkeit generell hinausgedrängt.

Reichsarbeitsdienstgesetz, Juni 1935:

§ 1 (2): »Alle jungen Deutschen beiderlei Geschlechts sind verpflichtet, ihrem Volk im Reichsarbeitsdienst zu dienen.«

§ 3 (1): »Der Führer und Reichskanzler bestimmt die Zahl der jährlich einzuberufenden Dienstpflichtigen und setzt die Dauer der Dienstzeit fest.«

Politisch unliebsame Menschen waren dabei die ersten, die Zwangsarbeit in Konzentrationslagern leisten mussten. Indirekt spielten die KZs eine wesentliche Rolle für die Disziplinierung, für Einschüchterung und Kontrolle aller Arbeitenden – viele Menschen hatten Angst, in ein Lager gebracht zu werden. 

Der Großteil der deutschen Jüdinnen und Juden wurde bis 1938 durch Boykotte und Berufsverbote um ihre Existenzgrundlage gebracht. Bei den Pogromen im November 1938 wurden hunderte Menschen ermordet, rund 30.000 in KZs gebracht, Synagogen, Geschäfte und Wohnungen zerstört. Diese Pogrome markierten den Übergang von der planmäßigen Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden zu ihrer gewalttätigen Verfolgung. Auch Angehörige von Roma-Minderheiten wurden gezielt entrechtet, ausgegrenzt und verschleppt.

 Auch für Menschen, die nicht ausdrücklich verfolgt wurden, schränkten die Nationalsozialisten die am Arbeitsplatz geltenden Rechte stark ein. So waren bereits nach den Wahlen im März 1933 die Gewerkschaften zerschlagen und die »Deutsche Arbeitsfront« gegründet worden. Diese war keine Gewerkschaft, sondern eine Organisation, die die arbeitende Bevölkerung im Beruf und in der Freizeit kontrollieren und für die Ziele des Nationalsozialismus einnehmen sollte. 

Das Streikrecht wurde abgeschafft. Im Laufe der Zeit wurde schrittweise ein System umgesetzt, das auch nicht verfolgte Bevölkerungsteile zur Arbeit verpflichtete.

  • 1935: Der Reichsarbeitsdienst zwang Menschen teilweise unbefristet zu bestimmten Tätigkeiten, beispielsweise im Straßenbau oder in der Landwirtschaft.
  • 1936: Das Arbeitsbuch schränkte die freie Wahl des Arbeitsplatzes ein und erlaubte darüber hinaus die Kontrolle der Arbeitenden.
  • 1938: Die Dienstverpflichtung war ein Mittel, Personen für Aufgaben von »besonderer staatspolitischer Bedeutung« zum Arbeitseinsatz zu verpflichten, ab 1939 sogar unbefristet.

 

RAD-Lager, Abteilung 6/141 in Bad Liebenwerda.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:RAD_Wachablösung.jpg (CC-BY-SA 3.0)

Für die Versorgung der Arbeitskräfte wurde im Winter 1944/45 begonnen eine Großgärterei oberhalb der Gemeinde Großeutersdorf eizurichten. 
Für die Arbeiten wurden vor allem osteuropäische Zwangsarbeiterinnen unter schwierigsten Bedingungen eingesetzt. 
Im Hintergrund sieht man die Baustelle REIMAHG. 

Zwangsarbeit und Deportation ins Deutsche Reich

Zwangsarbeit im Nationalsozialismus

Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Zwangsarbeitssystem massiv ausgebaut. Die Zahl der deutschen Arbeitskräfte im Reich sank vor allem durch Einberufungen zur Wehrmacht von 39 Millionen im Jahr 1939 auf 29 Millionen im Jahr 1944.

Im Laufe des Krieges wurden in der Industrie 60-Stunden-Wochen zum Normalfall, mitunter wurden auch 72-Stunden-Wochen verlangt. Zunehmend zwang die deutsche Wirtschaft Menschen aus den besetzten Gebieten zur Zwangsarbeit, ohne die vor allem die Rüstungswirtschaft ab 1942 kaum noch aufrechtzuerhalten gewesen wäre. Im Krieg weitete sich das Zwangsarbeitssystem auf fast ganz Europa aus: Es mussten über 20 Millionen Menschen – Männer, Frauen und Kinder – aus nahezu allen Ländern Europas im Reichsgebiet oder in den besetzten Gebieten Zwangsarbeit leisten. Etwa zweieinhalb Millionen von ihnen haben das nicht überlebt.

Die deportierten Personen wurden an unzähligen Orten eingesetzt: in Rüstungsbetrieben, auf Baustellen, in der Landwirtschaft, in Privathaushalten. Alle Deutschen konnten ihnen begegnen. Das gesamte Reichsgebiet wurde mit einem dichten Netz aus Lagern verschiedener Arten überzogen. Die Ausbeutung dieser Menschen ermöglichte dem deutschen Reich, seine Wirtschaft funktionsfähig zu halten und eine relativ beständige Versorgung für die deutsche Bevölkerung zu gewährleisten. Die Geschichte der Zwangsarbeit zeigt deutlich, was den Nationalsozialismus ausmachte: die rassistische und antisemitische Einteilung von Menschen, radikale Leistungsorientierung, Hierarchie, Gewalt und Unterwerfung.

Rekrutierung und Deportation

Mit dem Überfall auf Polen im September 1939 wurde der Einsatz von Zwangsarbeit massiv ausgeweitet – in den ersten Kriegsjahren vor allem außerhalb der Reichsgrenzen, später zunehmend auch im Reichsgebiet. Die Zahl der Zwangsarbeitenden stieg in den Folgejahren stark an. Verantwortlich für die Rekrutierung von Arbeitskräften in den besetzten Ländern waren die Arbeitsämter, unterstützt von Polizei und Wehrmacht.

Welche Arbeits- und Lebensumstände die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter erwarteten, war vor allem von zwei Faktoren abhängig: zum einen von ihrer jeweiligen Einstufung entsprechend der rassistischen Kriterien des NS-Regimes; zum anderen vom Krieg und dessen wirtschaftlichen Anforderungen. Beide Faktoren standen manchmal im Widerspruch zueinander. So standen 1942 nicht mehr genügend Kriegsgefangene als Zwangsarbeitende zur Verfügung.

Während deshalb über den Einsatz der sowjetischen Zivilbevölkerung diskutiert wurde, wurde gleichzeitig die Vernichtung der europäischen jüdischen Bevölkerung geplant und umgesetzt. Auch wenn deren Arbeitskraft vielfach ebenfalls ausgebeutet wurde, hatte ihre Ermordung für das NS-Regime Priorität.

KZ Mittelbau-Dora im Kohnstein bei Nordhausen.
»Vernichtung durch Arbeit.«  ist ein Begriff des NS-Lagersystems.
Quelle: Library of Congress Washington. 

Propagandabroschüre »Europa arbeitete in
Deutschland« 1943.

Quelle: Archiv GF Walpersberg e.V.

Verwertung und Vernichtung

Obwohl der Mangel an Arbeitskräften eine Gefahr für die Fortführung des Krieges darstellte, überwogen bei vielen Verantwortlichen rassistische Haltungen; wirtschaftliche Überlegungen traten bei ihnen in den Hintergrund. Am eindeutigsten bestimmten die Vernichtungsabsichten die Politik gegenüber der jüdischen Bevölkerung Europas. Auch gegen andere Gruppen wurde eine Politik der »Vernichtung durch Arbeit« gefordert. Letztlich setzten sich demgegenüber diejenigen durch, die zumindest den Arbeitseinsatz von polnischen und sowjetischen Deportierten während des Krieges aus wirtschaftlichen Erwägungen für unverzichtbar hielten. Insbesondere im Hinblick auf die jüdischen Bevölkerungsgruppen bewirkte diese Politik jedoch lediglich einen temporären Aufschub der Ermordung. Aus antisemitischen und antiziganistischen Motiven verfolgte Menschen wurden auch dann ermordet, wenn ihre Arbeitskraft gebraucht wurde. Vernichtung hatte Vorrang. Die Arbeitsfähigkeit war lediglich entscheidendes Kriterium für den Zeitpunkt der Ermordung

Diese Karte zeigt die Verlagerungsprojekte nach Thüringen. 
Quelle: M. Gleichmann, GF Walpersberg e.V.

Untertageverlagerung der Rüstungsproduktion und

Entstehung der REIMAHG

In der zweiten Hälfte des Krieges wurde die Rüstungsproduktion vermehrt in unterirdische Anlagen verlegt, um sie vor Bombenangriffen zu schützen. Bis Anfang 1945 wurden unter bereitwilliger Mitwirkung der Industrie mehr als 900 Anlagen unter die Erde verlagert bzw. Verlagerungen geplant. Diese Operationen kosteten tausende Zwangsarbeitende und KZ-Häftlinge das Leben.

Das Rüstungswerk REIMAHG war ein Kristallisationspunkt der NS-Zwangsarbeit. 1942 wurde Fritz Sauckel, NSDAP-Gauleiter in Thüringen, zum Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz ernannt. Damit trug er die Verantwortung für die Deportation und Versklavung von über sieben Millionen Menschen. 

Er war zudem Stiftungsführer der Gustloff-Stiftung, einem der größten deutschen Rüstungskonzerne. 1944 wurde die REIMAHG GmbH als Tochtergesellschaft der Gustloff-Werke gegründet. Sie bestand aus drei Produktionsstandorten: Kahla, Kamsdorf und Krölpa. Der Name setzte sich aus den Anfangsbuchstaben des Namens bzw. Titels REIchsMArschall Hermann Göring zusammen.

Für die geplante Anlage wurde der Walpersberg bei Kahla ausgewählt, da hier durch den Porzellansandabbau im Berg bereits ein ausbaufähiges Stollensystem vorhanden war. 

Ab dem 11. April 1944 wurde am Walpersberg gearbeitet. Unterirdisch wurde das Stollensystem ausgebaut, oberirdisch Bunker errichtet und die Infrastruktur für das Rüstungswerk geschaffen. 

Der Jenaer Architekt Georg Schirrmeister bekam den Auftrag, auf dem Walpersberg eine Startbahn zu errichten. Die Hauptbauleitung hatte das Weimarer Architekturbüro von Ernst Flemming inne.

Ziel der REIMAHG war die serienmäßige Produktion des Düsenflugzeuges Me 262. Dieses Flugzeug war der erste Strahljäger im Zweiten Weltkrieg, der in Serie gebaut wurde. Den Planungen nach sollten monatlich etwa 1200 fertige Flugzeuge den Berg verlassen. In den Stollen des Walpersberges kam es jedoch nie zur Produktion des Düsenjägers. Lediglich in vier provisorischen Betonbunkern an der Südseite des Berges wurden bis Kriegsende etwa 20 bis 30 Düsenjäger aus fertigen Baugruppen montiert. Ihr Einsatz war nicht kriegsrelevant. In ersten Planungen sollten am Walpersberg auch die Flugzeugtypen Focke-Wulf Fw 190 und die Focke-Wulf Ta 152 produziert bzw. montiert werden, was jedoch verworfen wurde. Auch Pläne, Horten-Nurflügler zu bauen, wurden nicht realisiert.

Walpersberg. Bunker an der Südseite.
Quelle: Gemeindearchiv Großeutersdorf.

Bunker 1 am Walpersberg. Vier Endmontagehallen entstanden bis zum Kriegsende. 
Quelle: National Archive Washington

Machtübergabe in Kahla

In Kahla entstand 1930 eine Ortsgruppe der NSDAP. Bei den Reichstagswahlen im März 1933 lag

diese allerdings deutlich hinter der SPD. Nichtsdestotrotz wurden, wie im gesamten Reich, am 2. Mai 1933 auch in Kahla das damalige Gewerkschaftshaus, der »Rosengarten«, von der SA besetzt und Gewerkschaftsangestellte verhaftet.

Lange vor dem Pogrom am 9. November 1938 wurden in Kahla jüdische Geschäfte boykottiert; wer dennoch dort einkaufte, wurde öffentlich verleumdet. Im November 1938 schließlich wurden als jüdisch verfolgte Menschen aus Kahla nach Buchenwald deportiert. Die Porzellanfabrik Kahla erhielt 1940 von Gauleiter Sauckel die goldene Fahne der Deutschen Arbeitsfront und den Titel
»Nationalsozialistischer Ehrenbetrieb«. Eine Voraussetzung für diese Auszeichnung war, dass mehr als fünfzig Prozent der Belegschaft Mitglieder der NSDAP oder einer ihrer Organisationen waren.

Deportation zur REIMAHG

Rund 14.000 Männer, Frauen und Kinder mussten in den Jahren 1944 bis 1945 für die REIMAHG Zwangsarbeit leisten; mindestens 2000, vermutlich jedoch bis zu 3000 von ihnen starben direkt oder mittelbar an den Folgen der Gefangenschaft. 

Ab April 1944 wurden vor allem Menschen aus Italien, der Sowjetunion, der Slowakei, Belgien, Polen, der Ukraine, Frankreich und Jugoslawien zur REIMAHG deportiert. Aus der Sowjetunion, Polen und der Ukraine wurden auch Frauen, Jugendliche und Kinder, teilweise komplette Familien, verschleppt. 

Rund um den Walpersberg entstanden diverse Lager; anfangs waren auch in der Stadt selbst, in Hotels, Gaststätten und Festsälen, Zwangsarbeitende untergebracht. Nach und nach entstanden 28 Haupt- und Nebenlager rund um den Walpersberg. Viele der Gefangenen mussten die Lager selbst aufbauen und bis zu deren Fertigstellung unter freiem Himmel oder im Stollensystem schlafen.

Deportation nach Kahla

Hörstation zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Übersicht über die Lager am Walpersberg.
 ©M. Gleichmann, GF Walpersberg e.V.

Francesco Gervasoni

Francesco Gervasoni wird 1904 in Settala bei Mailand geboren. Mit seiner Frau Maria Moneta hat er zwei Kinder: Germano, geboren 1933, und Bruno, geboren 1940.

Für den 23. November 1944 ruft die im Untergrund agierende italienische Gewerkschaftsbewegung einen Streik aus, an dem sich auch die Belegschaft in Gervasonis Fabrik beteiligt.

Rund 180 Arbeiter werden daraufhin von einer deutschen Einheit verhaftet und gezwungen zu unterschreiben, dass sie sich zum freiwilligen Arbeitseinsatz ins Deutsche Reich melden.

Am 28. November 1944 werden sie in verschlossenen Güterwaggons aus Mailand abtransportiert. Als der Zug durch Vignate, den Wohnort Gervasonis, fährt, verlangsamt der Zug die Geschwindigkeit, sodass die Gefangenen die Möglichkeit haben, Verwandte über ihre Deportation zu benachrichtigen. Gervasoni wirft eine Nachricht aus dem Waggon, die ein Anwohner seiner Frau und seinen Kindern bringt.

Gervasoni wird am 7. Dezember 1944 nach Kahla gebracht. Drei Monate später, am 27. Februar 1945, stirbt er und wird im Massengrab auf dem Kahlaer Friedhof verscharrt. Da nun die Mutter für den Lebensunterhalt der Familie sorgen muss, müssen die Kinder mit elf bzw. vier Jahren in einem Internat untergebracht werden.

»Am 14. Juli 1944 verkündeten die deutschen Behörden, dass eine Evakuierung der Bewohner erfolge, und drohten mit der Todesstrafe, falls ganz gleich wer sich dieser Aufforderung zu
entziehen beabsichtigte.

Es wurden Güterwagen auf den Eisenbahngleisen an der Kowelska-Straße abgestellt. In diese Güterwagen wurden die Bewohner aus der ganzen Stadt hineingetrieben.

[…] Als Kind erinnere ich mich, dies war ein Schreckensbild für uns alle. Denn die mehrfach
zuvor eingepackten Sachen mussten vielfach wieder ausgepackt werden, weil es abzusehen war, dass wir nicht dazu imstande waren, dieses Gepäck zur Transportstelle zu tragen. […]  Ich war damals 11 Jahre alt, der Bruder war 16, die Schwester 14 und die allerjüngste kaum
ganze 3 Jahre. […] Auf der Route von Włodzimierz bis Poznań bekamen wir nichts zu essen. Ich erinnere mich daran, dass während des Aufenthaltes in Warschau und Bydgoszcz Bewohner dieser Städte sporadisch für Kinder Milch brachten. Die Fahrt bis Poznań dauerte zwei Wochen. […] Es war sehr eng in den Waggons und es herrschte ein Gestank ungewaschener Körper und der Unsauberkeit. Es gab keine Möglichkeit sich hinlegen zu können. Wir schliefen sitzend auf unserem eigenen Gepäck.

Physiologische Bedürfnisse wurden in Papier erledigt, auch in Tuchlappen, und diese
Angelegenheit warf man dann nach draußen durch das vergitterte Fensterchen des Waggons. Der Urin wurde unmittelbar durch die Spalten an den Türen des Waggons entsorgt. Das
Allerschwierigste war der Beginn der Reise.  .

Der Zug fuhr uns ins Unbekannte. Ungewiss waren die Tage, und unbekannt war das Schicksal.«

Quelle: Jan Steć über seine Deportation nach Kahla.

»Liebe Maria,
ich fahre meinem Schicksal entgegen. Die besten Wünsche für dich und die Kinder, Küsse an alle, Tschüß, Küsschen. Liebe Maria, geh in die Fabrik um das Geld und das Paket und den Brotbeutel und den Gürtel  abzuholen. Grüße und Küsse an alle, dein Francesco. Küsse an dich und die Kinder.«

Quelle: Nachricht von Francesco Gervasoni an seine Familie.

Das erste Lager entstand im »Rosengarten«, dem Haus der Gewerkschaft in Kahla.
Quelle: Archiv GF Walpersberg e.V.

Jan Steć

Jan Steć wird am 8. April 1933 in Wolodymyr-Wolynskyj (heutige Ukra-ine) geboren. 1939 wird das Gebiet Polens, zu dem die Stadt gehört, von der Roten Armee besetzt, 1941 von der Wehrmacht. Mit dem deutschen Rückzug im Juli 1944 wird die Bevölkerung nach Westen deportiert; Familie Steć kommt ins Lager II der REIMAHG. Der Vater und der große Bruder Stanisław müssen in den Stollen und Montagehallen arbeiten; die Mutter muss Erde von Eisenbahnwaggons auf Straßentransportmittel umladen.

Stećs Schwester Teresa, 1930 geboren, betreut Kinder anderer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und arbeitet in der Küche. Jan Steć und seine kleine Schwester Maria halten sich vor allem im Lagergelände auf. Der Elfjährige passt auf seine dreijährige Schwester auf und bettelt in den umliegenden Ortschaften um Essen.

Kurz vor der Räumung flüchtet die Familie mit weiteren Familien in den Wald oberhalb des Lagers. Drei Tage halten sie sich dort versteckt, bevor sie vom Hunger getrieben ins Lager zurückkehren. Dadurch entgehen sie der Räumung des Lagers. Unmittelbar danach werden sie von den Amerikanern befreit. Insgesamt verbringt die Familie neun Monate im Lager II. Rund ein halbes Jahr später kehren sie nach Polen zurück, ihre nun sowjetische Heimatstadt ist für sie jedoch unerreichbar.

Arbeitsbedingungen bei der REIMAHG

Die zur Zwangsarbeit bei der REIMAHG deportierten Menschen mussten die Transportinfrastruktur errichten, das bestehende Stollensystem ausbauen, Bunker betonieren und in der Montage der Flugzeuge arbeiten. Die Arbeitszeit betrug zehn, elf, manchmal auch zwölf oder mehr Stunden. Selten waren sie längerfristig für feste Tätigkeiten eingeteilt: Mal bekamen sie leichtere Tätigkeiten zugewiesen, dann mussten sie wieder unter Schlägen kaum zu bewerkstelligende Arbeiten verrichten. Sie selbst hatten kaum Einfluss darauf, wo sie arbeiten mussten.

Der Arbeitsbeginn lag zwischen 4 und 6 Uhr. Der Marsch zum Arbeitsplatz betrug je nach Lage des jeweiligen Lagers oft bis zehn Kilometer. 

Das Schuhwerk und die Kleidung der Zwangsarbeitenden waren in den meisten Fällen unzureichend. Es durften kaum Pausen gemacht werden. Auch Frauen und Jugendliche mussten Schwerstarbeit leisten. Gerade in den Stollen kam es häufig zu schweren, manchmal tödlichen Arbeitsunfällen.

Lohn gab es theoretisch, tatsächlich erhielten die meisten jedoch maximal ein Drittel ihres Lohnes ausbezahlt. Ein zusätzliches Problem war, dass die meisten der
deportierten Menschen legal nur wenige Waren kaufen konnten und die Schwarzmarktpreise sehr hoch waren. Vorgesetzte zeigten sich in den seltensten Fällen menschlich oder solidarisch, Misshandlungen waren die Regel. Es herrschte ein Klima aus Angst vor Essensentzug und Gewalt.

Giuseppe Lino Rosoni

Giuseppe Rosoni wird 1926 in Vicenza im Nordosten Italiens geboren und verlebt damit seine gesamte Kindheit und Jugend unter dem faschistischen Regime Italiens. Im Mai 1944 wird er als 17-Jähriger zur Armee der faschistischen Restrepublik Repubblica Sociale Italiana einberufen. Italienische Ärzte mustern ihn aus, von deutschen Ärzten wird er als fähig zur Zwangsarbeit im Deutschen Reich befunden. Er wird nach Kahla deportiert und ist zunächst im Rosengarten untergebracht. Er arbeitet unter anderem im Inneren der Stollen. Während der Evakuierungsmärsche gelingt es ihm, zu fliehen. Im Juli 1945 erreicht er Vicenza.

»Die Arbeit bestand darin, Stollen zu graben. Wir durchbohrten einen Hügel längs und quer. Anfangs mit Hacke und Schaufel […]; 

als man zum festen Teil des Gesteins kam, benutze man Bohrhammer und Dynamit. Es gab Einstürze, viele Freunde sind verschüttet worden, aber wir konnten nicht anhalten. Immer vorwärts! Schnell! Und man lief auf den Körpern der Freunde, die dort begraben lagen.«

Erinnerungsbericht Giuseppe Lino Rosoni

Bilderserie zur Errichtung einer Großgärtnerei im Winter 1944. Für die Erdarbeiten wurden inbesondere osteuropäische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter eingesetzt. Quelle: Archiv GF Walpersberg e.V.

Lebensbedingungen in den Lagern der REIMAHG

Küchenzelt im Lager 8 an der Nordseite des Walpersbergs.
Quelle: Nachlass Ernst Große, Archiv GF Walpersberg e.V.

Balilla Bolognesi

Balilla Bolognesi wird am 2. Oktober 1921 in Esanatoglia in Mittelitalien geboren. Mit 17 Jahren geht er nach Norditalien, um in der Lederwarenherstellung zu arbeiten. Ab 1941 leistet er Militärdienst. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Italien im September 1943 kehrt er nach Esanatoglia zurück. Dort werden bei einer Razzia gegen Deserteure und Partisaninnen und Partisanen mehrere Männer erschossen und vier Häuser gesprengt, darunter das von seiner Familie. 

Balilla wird gemeinsam mit seinem Bruder und seinem Cousin ins Deutsche Reich deportiert. Am 28. Mai 1944 kommen sie in Kahla/Niederkrossen an.

Bolognesi arbeitet in den Stollen, beim Bau der Bunker und an der Startbahn. Im Sommer lernt er die Kahlaer Familie Hubl kennen, die ihn fortan regelmäßig unterstützt.

Am 8. April flüchten Balilla und sein Bruder aus dem Lager. Nach vier Tagen auf der Flucht treffen sie auf amerikanische Soldaten. Erst Ende Juli 1945 können sie mit dem Zug nach Italien zurückkehren.

1979 besucht Balilla erstmals nach Kriegsende mit seiner Tochter Beatrice die Familie Hubl in Kahla. Bis zu seinem Tod im Jahr 2014 nimmt er regelmäßig an den Gedenkveranstaltungen für die Opfer der REIMAHG teil.

Unterbringung und Hygiene

Die Mehrzahl der Zwangsarbeitenden der REIMAHG musste in Lagern leben. Die Gebäude und Baracken waren überfüllt, es gab nicht genügend Betten und teilweise waren die Menschen gezwungen, auf bloßem Stroh schlafen. Die Unterkünfte waren schmutzig, voller Ungeziefer und im Winter schlecht beheizt. Viele Dächer waren bei Regen undicht. Privatsphäre gab es nicht. Zudem gab es zwei Straflager, in die Gefangene bei geringfügigen »Vergehen« überwiesen wurden. Dort wurden sie grausam misshandelt.

In den Lagern gab es nicht genügend Latrinen; notgedrungen nutzten viele der Deportierten das Umfeld der Lager. 

Viele Menschen litten an Durchfall, manchmal erreichten sie die Latrinen nicht rechtzeitig. Die Wachmannschaften reagierten darauf oft mit brutalen Strafen. Auch ansonsten war die sanitäre Ausstattung äußerst mangelhaft.

»Toiletten hat es nie gegeben; für die körperlichen
Bedürfnisse gab es eine große rechteckige Grube
unter offenem Himmel; an den Seiten ein hölzerner Jägerzaun, wo man sich, das Gleichgewicht haltend, abstützte um seine Notdurft zu verrichten. Von
Duschen war keine Rede, es gab nicht mal einen
einfachen Schlauch im Freien.«

Balilla Bolognesi.

Arbeits- und Lebensbedingungen

Hörstation zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Ballila Bolognesi (unten links) mit seiner Tochter Beatrice (oben links),
Elsbeth Hubl und ihrem Mann Hilmar 1979 in Kahla. 
Quelle: Privatsammlung Elsbeth Hubl

Essensversorgung und Bekleidung

Nur wenige Zwangsarbeitende besaßen angemessene Kleidung. Einige mussten selbst im Winter barfuß gehen. Die Lebensmittelversorgung in den Lagern der REIMAHG war zu keinem Zeitpunkt ausreichend. Pro Tag gab es 375 bis 500 Gramm Brot und ein wenig Fett, Marmelade, Zucker oder ähnliches. Am Abend erhielten die Gefangenen einen
Liter wässriger Suppe. Für ihre Ration mussten die Hungrigen oft stundenlang anstehen. Manchmal reichte das ausgeteilte Essen nicht für alle, teilweise war es ungenießbar.

Krankenversorgung

Erst nach mehreren Monaten existierte für die Lager der REIMAHG eine Art Krankenversorgung. In den größeren Lagern gab es Krankenreviere; ab November 1944 wurde das Betriebskrankenhaus im Schloss Hummelshain genutzt. Die Zwangsarbeitenden wurden jedoch in Baracken im Schlosspark untergebracht, in denen viel schlechtere Bedingungen herrschten. Generell mangelte es an Medikamenten und Sanitätsmaterial. Kranke erhielten die halbe Ration, wurden misshandelt und ermordet. Da sich viele der zur Zwangsarbeit verpflichteten Menschen daher lange nicht krank meldeten oder von den Krankenstationen abgewiesen wurden, konnten sich Infektionskrankheiten wie Ruhr, Diphtherie, Tuberkulose und Flecktyphus leicht ausbreiten.

»13. August 1944:

Sonntags bekamen wir unsere Essensration:
500 g Weißbrot und Butter. Das Lager war von Soldaten abgesperrt, aber wir durften herumlaufen. Wir hatten kein Trinkwasser (manchmal aus einem Bächlein), keine Küche, kein Licht, keine Toiletten, nichts. Aber wir schliefen im Trockenen. Das Lager war noch nicht fertig. Dann sahen wir schon das Elend: die Russen und die Italiener liefen umher wie wilde Tiere, auf der Suche nach Zigarettenkippen (1 Zigarette = 1 Mark).«

Aus dem Tagebuch von Marcel van den Steen

Marcel van den Steen

Marcel van den Steen wird am 1. Januar 1921 in Wetteren in Flandern/Belgien geboren. Nach der Schule arbeitet van den Steen in der Baumschule seines Vaters. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ist er Soldat der belgischen Armee. Am 8. August 1944 wird er von deutschen Polizisten verhaftet. Bereits vier Tage später trifft er im Lager E bei Eichenberg ein, das zu dieser Zeit noch nicht fertiggestellt ist. Van den Steen muss unter anderem beim Stollenausbau arbeiten. Während der gesamten Zeit seiner Gefangenschaft führt er ein Tagebuch. Am 4. April 1945 flieht er aus dem Lager. Bis zur Ankunft der amerikanischen Armee versteckt er sich eine Woche in der Umgebung. Van den Steen stirbt 2006.

»Dann gab es eine Baracke, die hochtrabend Krankenstation genannt wurde; sie war mit einem Tisch, einem Stuhl und einem Regal ausgestattet, das zumindest die nötigsten Medikamente enthalten sollte, aber immer leer war. Es gab nicht mal Aspirin, Tabletten gegen Zahnschmerzen; es gab einige Papierverbände, Jod und Schwefelpomade gegen Krätze, an der aufgrund der Enge und des Mangels an Hygiene während des Sommers viele Arbeiter litten. Zuständig war ein deportierter Arzt aus Perugia, der dich untersuchte, wenn es nötig war, aber dir nichts außer guten Ratschlägen geben konnte, da es keine Medikamente gab.

Dann war da die Baracke Nr. 9, die Baracke der Sterbenden, in der ab Herbst viele Menschen lagen; dort kamen die »Unfähigen« hin, die nunmehr bis zum äußersten erschöpft waren, Skelette, verbraucht, vor allem durch Durchfall, TBC, Ödeme, allgemeinen körperlichen Verfall; sie wurden von der Kriegswirtschaft des Großen Reiches nicht mehr gebraucht, und brauchten daher, da sie nichts einbrachten, nicht gepflegt zu werden; man überließ sie mitleidslos ihrem langsamen Sterben.«

Balilla Bolognesi

Eine der Krankenbaracken am Schloss Hummelshain. 
Quelle: Archiv GF Walpersberg e.V.

Lebensbedingungen

Hörstation zu den Bedingungen der Arbeit am Walpersberg.

Krankenversorgung

Erst nach mehreren Monaten existierte für die Lager der REIMAHG eine Art Krankenversorgung. In den größeren Lagern gab es Krankenreviere; ab November 1944 wurde das Betriebskrankenhaus im Schloss Hummelshain genutzt. Die Zwangsarbeitenden wurden jedoch in Baracken im Schlosspark untergebracht, in denen viel schlechtere Bedingungen herrschten. Generell mangelte es an Medikamenten und Sanitätsmaterial. Kranke erhielten die halbe Ration, wurden misshandelt und ermordet. Da sich viele der zur Zwangsarbeit verpflichteten Menschen daher lange nicht krank meldeten oder von den Krankenstationen abgewiesen wurden, konnten sich Infektionskrankheiten wie Ruhr, Diphtherie, Tuberkulose und Flecktyphus leicht ausbreiten.

Janina Przybysz

Janina Przybysz wurde nach dem Warschauer Aufstand 1944 mit ihrem Mann und ihrem Sohn zur REIMAHG deportiert. Alle drei überlebten die Zwangsarbeit bei Kahla. Es ist bezeichnend für die Nachkriegssituation der Zwangsarbeiter und insbesondere der Zwangsarbeiterinnen, dass über Janina Przybysz kaum etwas bekannt ist. Dennoch und gerade weil wir wenig über ihr Leben wissen, soll an dieser Stelle ein Bericht aus ihrer Feder stehen.

»Das Leben im Lager vollzog sich in gleichförmiger Weise. Von Montag bis Samstag herrschte der zwölfstündige Arbeitstag. Den freien Sonntag nutzte man zur Erholung und zur persönlichen Hygiene.

Meine Eltern mussten sich wie auch andere mit den Kindern beschäftigen, das ganzkörperliche Waschen unter schwierigen Bedingungen bewerkstelligen, die Leibwäsche auswaschen und entlausen – alle hatten Läuse.

Für die Eltern war es auch die einzige Gelegenheit, mit den Kindern zu sprechen, ihnen Ratschläge für das Verhalten in den jeweils darauffolgenden Wochen zu erteilen. Im anfänglichen Zeitabschnitt musste ich, während die Eltern auf Arbeit waren, die Betreuung der jüngsten Schwester (vier Jahre) übernehmen, obgleich ich eigentlich noch selbst Betreuung bedurfte. Später war die Schwester in der so genannten »Aufbewahrung« für die Kleinsten untergebracht.

Hier muss ich ausführen, dass der Sonntag als einziger Tag der Woche den Eltern für den Kontakt mit ihren Kindern verblieb, denn wenn sie zur Arbeit aufbrachen, schliefen die Kinder noch, und wenn sie von der Arbeit zurückkehrten, schliefen sie bereits.«

Jan Steć.

Zwangsarbeiterinnen bei der Errichtung einer Großgärtnerei bei Großeutersdorf.  Quelle:  Archiv GF Walpersberg e.V.

Widerstand und Solidarität

Es gab bei der REIMAHG keinen organisierten Widerstand, aber solidarisches Handeln, auch zwischen Menschen aus unterschiedlichen Ländern. Berichten zufolge half man sich gegenseitig mit Geld aus, um sich vor Prügelstrafen zu retten, unterstützte sich gegenseitig bei der Essensbeschaffung und teilte mit Schwächeren. Immer wieder kam es auch zu kleineren Sabotageakten. So mischten Zwangsarbeitende beispielsweise dem Zement zu viel Sand bei oder beschädigten Betonmischer. Vor allem gegen Kriegsende nahmen die Fluchtversuche zu .

»Bevor es losging, wurden wir gefragt, ob jemand von uns Brot backen könne. Einer von uns, Remo di Gallio, bejahte die Frage. Aufgrund dessen konnte er im Ort bleiben und dort in der Bäckerei arbeiten und ab und zu gelang es ihm, mir heimlich ein Stück Brot zuzustecken, das ich aß oder als Tauschware benutzte.«

Lino Rosoni

Misshandlung und Mord

Durch die furchtbaren Lebens- und Arbeitsbedingungen, Misshandlung und Mord sowie die Todesmärsche starben in einem Jahr, in dem die REIMAHG bestand, bis zu 3000 zur Zwangsarbeit deportierte Menschen. Die genaue Zahl der Toten der REIMAHG lässt sich nicht ermitteln. Aber klar ist: es waren mehr als in den anderen Zwangsarbeitslagern. Ihr Tod wurde billigend in Kauf genommen: bei der Arbeit, bei der Krankenbehandlung, bei der Räumung der Lager und den sich anschließenden Todesmärschen. Mindestens einige Dutzend Zwangsarbeitende sind direkt durch Schläge und Schüsse ermordet worden.

»Bemerkenswert sind auch die Schikanen, die die politischen Leiter im Flussgebiet auf die Fremdarbeiter ausübten. Abgearbeitet, ermüdet und hungrig kehrten wir von der Arbeit in die Lager zurück. Der Weg, der zum Lager führte, zog sich unterhalb eines Berges entlang. Es suchte deshalb jeder den kürzeren und bequemeren Weg, um schneller ins Lager zu kommen und sich ausruhen zu können. Man konnte den Weg abkürzen, indem man einen Steg über den nahe gelegenen Fluss benutzte, der unmittelbar am Lager vorbeifloss. Gerade unter diesem Steg versteckten sich die politischen Leiter und schossen in die vorbeikommenden Fremdarbeiter. Sie schossen aus Karabinern, und zwar sehr gezielt. Diese List wurde nicht täglich angewendet, was den Sadismus der Henker besonders deutlich macht.«

Janina Przybysz

Nachbar Thüringen

In Thüringen mussten zwischen 1939 und 1945 bis zu einer halben Million ausländische Zwangsarbeitende und Kriegsgefangene arbeiten. Dazu kamen zehntausende KZ-Häftlinge. 

Die Gewalt, die ihnen im Deutschen Reich angetan wurde, ihre rassistische Ausbeutung war für alle Deutschen sichtbar. Ab 1943 arbeitete fast die Hälfte aller Deportierten in der Landwirtschaft. Sie mussten in unmittelbarer Nähe der Bevölkerung arbeiten und waren ihr direkt ausgeliefert. 

Die Berichte Überlebender erzählen von Misshandlungen und vom Ausnutzen der Situation, aber auch von Mitmenschlichkeit und Solidarität. Die Mehrheit der Deutschen stand dem Überlebenskampf vor ihren Augen gleichgültig gegenüber.

Das Zusammentreffen der deutschen Zivilbevölkerung mit den zur Arbeit Verschleppten war unvermeidbar. So waren von Beginn an lokale und regionale Unternehmen in das Bauvorhaben am Walpersberg eingebunden. Insgesamt beteiligten sich rund 120 Firmen, die vielfach von der REIMAHG Zwangsarbeitende zur Verfügung gestellt bekamen. So ließ sich bspw. die Porzellanfabrik Kahla große Mengen des beim Stollenausbau anfallenden Porzellansandes liefern. Privatpersonen ließen sich zur REIMAHG deportierte Menschen vermitteln, die gegen Lebensmittel für sie arbeiteten. Andere profitierten vom Schleichhandel mit Lebensmitteln, die das Küchen- und Verwaltungspersonal von den Rationen der Gefangenen unterschlug.

Einige Lager waren direkt in oder nahe bei Ortschaften. Zudem kamen die Zwangsarbeitenden regelmäßig in die Orte. Die lokale Bevölkerung konnte die täglichen Märsche zu den verschiedenen Arbeitsstellen durch die Ortschaften beobachten. 

Das Leid der deportierten Menschen wurde weitgehend ignoriert. Überlebende berichten aber auch von Beschimpfungen, Drohungen und Misshandlungen. Manchmal kam es allerdings auch zu Unterstützung oder Hilfe. Selten entstanden sogar Freundschaften, die über das Kriegsende hinaus Bestand hatten.

Spielende Jungen aus Bibra an der Baustelle des Lagers A.
Quelle: Nachlass Ernst Große, Archiv GF Walpersberg e.V.

Marcel van den Steen

Tagebuch der Zwangsarbeit am Walpersberg

Über 120 zivile Firmen waren am Bau des Rüstungswerkes beteiligt. 
Quelle: Bundesarchiv. Fotosammlung aus der
„Library of Congress“, Washington DC. 

»Mein Bruder Giuseppe arbeitet nicht immer mit mir zusammen, auch wenn er in derselben Baracke wohnt. So ist es auch mit meinem Cousin Walter, der seit mehr als einem Monat im Transport der Schienen für die Eisenbahn arbeiten muss, was eine sehr harte und strapaziöse Arbeit ist […]. Er ist sehr mitgenommen und am Ende, der Arme. Daher sagte er zu mir: »Ich hab in Kahla eine sehr menschliche deutsche Familie kennengelernt, die mir gegen ein paar kleinere Arbeiten (Waren aufräumen, Hilfe beim Einräumen der Produkte etc.), die ich für sie machen sollte, Brot und andere Lebensmittel
gegeben hat; ich kann nicht mehr nach Kahla gehen, weil ich mich nicht gut fühle; geh du zu dieser guten Frau. Sie heißt Margarethe und betreibt das Lebensmittelgeschäft in der Roßstraße 8.« Sobald es mir möglich war, ging ich zu dem Geschäft; ich wartete, bis niemand mehr da war und sagte zu Frau Margarethe, dass ich der Cousin von Walter wäre und an seiner Stelle gekommen war, weil es ihm gesundheitlich nicht gut ging; das tat ihr sehr leid. Ich fragte, ob es etwas zu tun gäbe; ich transportierte einige Waren; dann gab sie mir Brot und andere Lebensmittel für mich, meinen Cousin und meinen Bruder.

Trotz des Verbots durch die Polizei haben mir diese Frau, ihr Sohn Hilmar und Frau Anna Hilfe, Lebensmittel, tröstende Worte gegeben; und nicht nur mir, sondern auch Mario Poggi aus Gubbio, einem anderen Italiener, meinem Cousin Walter und vielen anderen Personen, rein aus humanistischen Motiven. Als ich 1979 nach Kahla zurückgekommen bin, um diese Familie zu treffen, wurde ich von der ganzen Familie mit großer Herzlichkeit aufgenommen.«

Balilla Bolognesi

Verantwortliche

Für das Leiden der zur Zwangsarbeit zur REIMAHG
deportierten Menschen trugen diverse Personen die Verantwortung: der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz Fritz Sauckel, die Leiter der einzelnen Lager, Kolonnenführer und Angehörige der Wachmannschaften, aber auch Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik oder Angehörige der Justizorgane. Auch das Verhalten der deutschen Zivilbevölkerung, der Meister, der dienstverpflichteten deutschen Angestellten und Jugendlichen der HJ gegenüber den Zwangsarbeitenden konnte entscheidend für deren
Leben und Überleben sein.

Die Wachmannschaften bestanden aus Deutschen aus dem Reich und so genannten »Volksdeutschen«, also Angehörigen deutschsprachiger Minderheiten aus anderen Ländern. Ihre genaue Zahl lässt sich nur schwer ermitteln. Bewacht wurden die Deportierten zunächst von Wehrmachtsangehörigen, später von SS-Leuten, aber auch zum Beispiel von Polizei oder SA. Die Wachleute und beteiligten Unternehmen hatten großen Spielraum in ihrem Verhalten den Zwangsarbeitenden gegenüber. Mitunter zeigten sie Anzeichen von Mitgefühl und steckten ihnen z.B. Lebensmittel zu. Grundsätzlich waren die deportierten Menschen jedoch ständig der Gewalt durch die Wachmannschaften ausgesetzt. Es gibt zahlreiche Berichte von Misshandlungen – auch von Frauen und Jugendlichen –, von sexuellen Übergriffen, Essensentzug, Versetzungen zu schwereren Arbeitskommandos oder sinnlosen Strafarbeiten.

Deutsche Beschäftigte bei der REIMAHG

Für den Ausbau der Stollenanlage wurden Fachkräfte benötigt. Sie wurden teilweise direkt von der Front zur REIMAHG abberufen oder von Bergbau-Großbetrieben rekrutiert. Hinzu kamen zwangsverpflichtete einheimische Handwerker und Transportarbeiter sowie Strafgefangene.

Das Schicksal der deutschen Angestellten ist nicht mit dem der Deportierten aus anderen Ländern gleichzusetzen. Nicht alle Deutschen sind freiwillig in den Dienst der Betriebsgruppe getreten, erhielten jedoch angemessene Bezahlung und Sonderzulagen, die es für ausländische Zwangsarbeitende nicht gab.

Bis zuletzt bewarben sich Deutsche freiwillig um Anstellung bei der REIMAHG, da es zahlreiche Möglichkeiten gab, von diesem Einsatz zu profitieren: es gab Zuschläge, Zulagen an Alkohol und Tabak sowie Prämien. Auch die Einberufung zur Wehrmacht konnte durch die Tätigkeit bei der REIMAHG umgangen werden. Einige Angestellte genossen es, Zwangsarbeitende zu erniedrigen und zu misshandeln.

»Ich sah, wie eine meiner Mitinsassinnen durch den uns beaufsichtigenden Deutschen furchtbar dafür geschlagen wurde, dass sie einige Kartoffeln für ihren kranken Sohn mitnahm, der auf Grund seiner Krankheit täglich nur eine halbe Lebensmittelration erhielt. Wir mussten die Frau auf einer Tragbahre ins Lager bringen, da sie nicht mehr gehen konnte. Wir wurden durch Deutsche auch denunziert. Zum Beispiel erlaubte uns einer der uns beaufsichtigenden Deutschen, einige Kartoffeln für die geleistete Arbeit mitzunehmen. Nach unserem Weggang verständigte er die Polizei, dass wir die Kartoffeln gestohlen hätten. Auf der Polizeiwache wurden wir nach einer persönlichen Durchsuchung in einer uns in unserer Würde als Frau und Mensch erniedrigenden Art und Weise beleidigt. Einige von uns, die mehr Kartoffeln hatten als andere, wurden ins Gesicht geschlagen. Als wir hinausgingen, sagte uns einer der Polizisten, dass wir im Wiederholungsfalle erschossen würden.«

Janina Przybysz

Fritz Sauckel

Eine zentrale Rolle für den Aufbau der REIMAHG hatte Fritz Sauckel. 1894 in
Haßfurt geboren, wurde er 1927 NSDAP-Gauleiter in Thüringen. In dieser Funktion sowie als Reichstatthalter und damit Regierungschef Thüringens und Stiftungsführer der Wilhelm-Gustloff-Stiftung war er einer der wichtigsten Akteure der thüringischen Rüstungsindustrie. Als 1942 berufener Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz war er verantwortlich für die Deportation von Millionen Menschen ins Deutsche Reich, darunter rund 14.000 Zwangsarbeitenden der REIMAHG. Bei den Nürnberger Prozessen wurde er zum Tode verurteilt.

»4. September 1944:

Montag: Es wird sehr streng. Am Mittag haben wir gesehen, wie zwei Russen Schläge bekommen
haben, weil sie beim Scheißen saßen. Sie mussten ihren Kot aufkratzen und wegtragen, um dann auf dem Rückweg Schläge zu bekommen. Abends im
Lager sahen wir fünf geflohene Belgier stehen, die Arme in der Luft. Sie durften nicht sprechen.
Unglücklicherweise drehte ein Junge seinen Kopf nach links und sie begannen, ihn derartig zu
verprügeln, dass wir heulten und tobten. Sie
sprangen auf uns zu, aber ich war sofort weg, denn von Schlägen wollte ich nichts wissen.«

Aus dem Tagebuch von Marcel van den Steen.

Karl Pflomm

SS-Chef am Walpersberg und damit in erster Linie verantwortlich für Misshandlungen und Erschießungen war Karl Pflomm. 1886 in Reutlingen geboren, war Pflomm bereits 1930 Mitglied der SS. Ab 1936 war er Polizeipräsident von Weimar, später von Erfurt und Dresden. In der besetzten Tschechoslowakei war er am Aufbau des deutschen Polizeiapparates beteiligt. Im Dezember 1944 kam er zur REIMAHG; bald folgte seine Ernennung zum Betriebsobmann. In dieser Funktion trug er die Verantwortung für die katastrophalen Lebensbedingungen und damit den Tod tausender Menschen. Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner nahm er sich und seiner Familie das Leben.

»Während die Kapos, die politischen Wachen, die überzeugten Nazis immer böser und erbarmungsloser werden, gibt es unter den Meistern (Deutsche, die nicht zum Militär gehören, die zum Großteil von der Deutschen Arbeitsfront angeworben wurden und aus dem Rheinland kommen) ziemlich verständnisvolle Personen; sie sind kriegsmüde und bereit, über die Situation zu reden; manch einer von ihnen ermutigt uns, durchzuhalten, da das Kriegsende nah ist.«

Balilla Bolognesi

Einsatz der Hitlerjugend bei der REIMAHG

Nachdem alle anderen Organisationen von Jugendlichen nach und nach verboten worden waren, stellte die Hitlerjugend den einzigen Jugendverband im Nationalsozialismus dar. Die Mitgliedschaft war von 1939 an Pflicht; nahezu alle Jugendlichen waren Mitglied. Ziel war die ideologische Prägung der Jugendlichen. Im Laufe der Zeit wurde der Dienst in der HJ zunehmend militarisiert.

Vor allem in den letzten Kriegsjahren gehörte die HJ zu den wenigen verfügbaren Quellen von Arbeitskräften. So mussten auch mehrere tausend Hitlerjungen für die REIMAHG arbeiten – eine Massenmobilisierung von Jugendlichen, die es so nur dort gab. Eingesetzt wurden insbesondere HJ-Angehörige der Jahrgänge 1928 und 1929. Die medizinische Versorgung und die Lebensbedingungen der Jugendlichen waren schlechter als die der deutschen Facharbeiter.

Im Arbeitsprozess bei der REIMAHG spielte die HJ eine zwiespältige Rolle: Einerseits war der Einsatz für die Hitler-Jungen verpflichtend, andererseits nutzten nicht wenige von ihnen ihre Machtposition aus. Überlebende berichten, wie sie von Hitlerjungen denunziert, schikaniert, geschlagen oder mit Steinen beworfen wurden. Zudem wurde mindestens einer der Häftlingstransporte nach der gewaltsamen Räumung der Lager der REIMAHG von Hitlerjungen eskortiert.

Einige Hitlerjungen wurden auch zur Bewachung von Zwangsarbeitern eingesetz.
Quelle: Archiv GF Walpersberg e.V. 

Im Zwabitztal wurden im Lager A provisorisch Angehörige von Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädel untergebracht. 
Quelle: Archiv GF Walpersberg e.V.

»Eines Tages, in einem der zahlreichen Stollen, hat sich ein unmenschliches Ereignis zugetragen. Wie schon gesagt, litten wir alle an Enterokolitis mit dazugehörigem Durchfall und, wenn du plötzlich das Bedürfnis verspürtest, gab es kein Entrinnen, du musstest einen Ort finden. Einer unserer Gefährten aus Tolentino rannte plötzlich weg in einen einsamen Zweig eines anderen Stollens; zufälligerweise kamen Hitlerjungen vorbei, sie sahen ihn in dieser Position und trotz der Bitten des armen Jungen zwangen sie ihn, zu »kosten«, was er gemacht hatte, und lachten ihn dabei aus.«

Balilla Bolognesi

Gewalt, Mord, Befreiung

Seit dem Sommer 1944 – angesichts des zu erwartenden Endes des Krieges – flohen immer mehr Deportierte aus ihren Unterkünften und versuchten, sich auf eigene Faust durchzuschlagen. Der Gestapo wurde erlaubt, eigenverantwortlich Exekutionen durchzuführen. Während Massenerschießungen vor allem in Waldgebieten oder in Arbeitserziehungslagern stattfanden, wurden einzelne Erschießungen auch direkt vor den Augen der Bevölkerung durchgeführt. Teilweise kam es sogar zu Erschießungen durch Zivilpersonen.

Am 8. April 1945 wurde die große Mehrheit der Zwangsarbeitenden der REIMAHG Richtung Osten getrieben. Teilweise vermischten sich die Gruppen mit den vom KZ Buchenwald kommenden Todesmärschen. Am 11. und 12. April 1945 erreichte die US-Armee die Lager der REIMAHG; am 13. April 1945 wurden die rund 1000 Menschen in den Krankenbaracken am Hummelshainer Schloss befreit. Im Juli 1945 wurden die Anlagen durch die Rote Armee übernommen, die zwischen 1947 und 1952 versuchte, sie durch Sprengungen unbenutzbar zu machen.

Amerikanische Soldaten erfahren beim Vormarsch von
President Roosevelts Tod. 
Quelle: National Archive Washington.

»Als die Evakuierung begann, stellte ich fest, dass unsere Gruppe von SS-Leuten mit Hunden umstellt war. Für mich und alle anderen Menschen, die in diesem Lager lebten, war die Evakuierung das größte und schrecklichste Erlebnis. 

Beim Schreien der SS, Stöhnen geschlagener Menschen und Hundegebell wurden wir in Gruppen zu 200-300 Personen eingeteilt und in Richtung Orlamünde getrieben. Das geschah am 9. April um 22 Uhr. Es spielten sich höllische Szenen ab. Hunde sprangen die aus der Reihe Geratenen an. 

SS-Männer schlugen mit Karabinern auf Zurückgebliebene ein. Ungefähr vier Kilometer hinter Orlamünde begann man, auf die Zurückgebliebenen zu schießen. Erst gegen Morgen, als die SS-Leute, wie wir feststellten, nicht mehr zugegen waren und uns der Volkssturm führte, erlaubte man uns, auszuruhen. 

Im Laufe des Tages gelangten wir zu dem Dorfe, Knau. Hier machte ich furchtbare Augenblicke durch. Mein Mann war sehr entkräftet und konnte nicht weitergehen. Er fiel einfach auf die Straße und wurde ohnmächtig. Der uns beaufsichtigende Deutsche legte den Karabiner an und wollte meinen Mann erschießen. Die (deutsche) Zivilbevölkerung ließ es jedoch nicht zu diesem Mord kommen. 

In diesem Dorfe wurden wir zurückgehalten und in einer Baracke ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener untergebracht. Hier wurden wir auch am 13. April von der amerikanischen Armee befreit.«

Janina Przybysz

Die 89. Infanterie Division der Amerikaner übernahm am 12. April 1945 die Werksanlagen und befreiten die Lager. 
Quelle: Holocaust Memorial Yad Vashem.

»Am 11. April wurde verkündet, dass das Lager evakuiert wird. Es sollten die persönlichen Sachen mitgenommen werden – eigentlich gab es kaum etwas mitzunehmen – und gegen Abend sollten sich alle vor dem Ausgangstor einfinden. Es bildete sich eine mächtige Marschkolonne. Erwachsene, Alte und Kinder und wir marschierten in Richtung des Dörfchens Orlamünde. Es gab allerhand Konvoibegleiter. Sie waren bewaffnet und wirkten genervt. Die außerordentlich große Marschkolonne bewegte sich nur langsam, die Menschen hatten nicht hinreichend Kraft für einen schnelleren Marsch. Das rief bei den Konvoibegleitern Wut hervor, es waren Schreie zu hören, Antreibergebrüll und es fielen sogar Schüsse. 

Alle überfiel große Angst vor der Ungewissheit. Kinder weinten verängstigt vor Dunkelheit und angesichts einer Situation, in welcher sie sich bislang noch nie befunden hatten. Die erwachsenen Menschen orientierten sich ziemlich schnell, dass es nicht mehr allzuviele Konvoibegleiter mehr gab und sich mit dem Eintritt der Dunkelheit die Möglichkeit der Flucht ergäbe. 

Herr Naglik, ein Mitzwangsarbeiter, schlug meinen Eltern und anderen ihm gut Bekannten die Flucht aus der Marschkolonne in den Wald vor. Wir marschierten auf einem Feldweg in Richtung auf den Wald zu. Wir flüchteten in eine dichte Schonung und verblieben dort zwei Tage und Nächte. Niemand suchte uns und, wie sich später erwies, waren die Konvoibegleiter nach einigen Stunden des Marsches bereits geflüchtet und überließen die Menschen der Straße. 

Die meisten Familien kehrten in das Lager zurück. Im Wald, wo wir uns versteckt hatten, ging es uns einigermaßen gut. Wir schliefen auf der trockenen Waldbodenschicht und bedeckten uns mit der eigenen Kleidung. Beim Herausführen aus dem Lager erhielten wir von den Deutschen nicht einmal ein Stück Brot. Nach den beiden Tagen und Nächten waren wir bereits so hungrig, dass wir beschlossen, in das Lager zurückzukehren. 

Im Lager waren schon keine Deutschen mehr. Gleich an der Küche fanden die Menschen Kohlrüben und von diesen Kohlrüben ernährten sich nun alle.«

Jan Steć.

Strafverfolgung, Aufarbeitung und Entschädigung

Zwangsarbeit wurde erstmals im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1946 als »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« angeklagt. Mehrere der Hauptangeklagten wurden wegen ihrer Verantwortung für die Organisation der Zwangsarbeit zu hohen Strafen verurteilt. 

In den nachfolgenden Prozessen wurden jedoch milde Urteile erlassen. Fritz
Sauckel wurde im Rahmen der Nürnberger Prozesse zum Tode verurteilt, wobei jedoch nicht auf seine Rolle bei der REIMAHG eingegangen wurde. Daneben wurde kaum einer der Täter für die bei der REIMAHG  begangenen Verbrechen zur Verantwortung gezogen. Karl Pflomm entzog sich einer
Bestrafung durch Selbstmord. Mehrere hochrangige Mitarbeiter flüchteten in die
westlichen Besatzungszonen und wurden nie juristisch belangt. 

Die wenigen Prozesse endeten mit geringen Strafen oder Freisprüchen. Eine gezielte Aufarbeitung der bei der REIMAHG begangenen Verbrechen fand nicht statt.

Der Umgang mit ehemaligen Zwangsarbeitenden variierte von Land zu Land; festzuhalten bleibt jedoch, dass sie nur in wenigen Nachkriegsgesellschaften als Opfer galten. So wurden sie zum Beispiel in der Sowjetunion verdächtigt, mit den Deutschen zusammengearbeitet zu haben und teilweise in Arbeitslager des Gulag deportiert. Ein Großteil der wenigen überlebenden Jüdinnen und Juden aus Mittel- und Osteuropa wanderte aus. Erst 56 Jahre nach der Befreiung wurden 2001 erste Entschädigungen an ehemalige Deportierte gezahlt; viele erhielten jedoch nie etwas. Auch von den zur REIMAHG deportierten Menschen wurde nur eine Minderheit finanziell entschädigt. Nicht wenige ehemalige Zwangsarbeitende lebten nach der Rückkehr in ihre Herkunftsländer in sozialer Not. Viele Überlebende litten zeitlebens an den psychischen und körperlichen Verletzungen durch Deportation und Zwangsarbeit.

Antrag auf Entschädigung von Lino Rosoni im Jahr 2001. 

Fritz Sauckel wurde bei den Nürnberger  Prozessen als einer der Hauptangeklagten zum Tode verurteilt. Quelle: NARA Washington, (NAID) 540128.

»Die Rückkehr nach Hause war enttäuschend für uns; nur in unseren Familien haben wir Trost und Verständnis gefunden. Deshalb war es besser darüber zu schweigen, was uns geschehen war; es wäre sowieso nicht möglich gewesen, verständlich zu machen, was diese langen Monate des Leidens waren; es war besser die große Tür, die von der Dunkelheit trennt, hinter uns zu schließen, und zu versuchen, uns von der großen Erschöpfung zu befreien, die uns in den Knochen geblieben war, und von der Erinnerung, in der sich raue Kommandostimmen, Gestank, das Brennen auf der Haut, Läuse, Wanzen, Krämpfe und Kälte am ganzen Körper, vermischten. Wir fanden eine Situation allgemeiner Gleichgültigkeit vor.«

Balilla Bolognesi

»Nach einigen Monaten seit der Befreiung des Lagers fassten wir die schlimmste im Leben getroffene Entscheidung, in die Heimat zurückzukehren. In Ansbach schlug man uns vor, nach Kanada auszureisen. Die Liebe zum eigenen Vaterland, zum eigenen Haus und zur heimatlichen Landschaft war der Grund für die obengenannte Entscheidung.

 

Die Eltern wussten nicht, dass unser Włodzimierz nicht mehr zu Polen gehört, dass unser väterliches Haus von Ukrainern bewohnt wird, dass es keine Chance mehr dafür gibt, all das, was wir zum Zeitpunkt der Aussiedlung im Jahr 1944 aufgeben mussten, wieder zu erlangen. Der Zweite Weltkrieg hat meine Familie in Armut gestürzt und war für immer der Grund für den Verlust unserer materiellen Güter und der Gesundheit.

 

Gegen Ende September 1945 brachen wir nach Polen auf. Damit verbunden erlebten wir eine ungeheure Enttäuschung. Meine Familie erhielt von der Staatlichen Behörde für Repatriierung in Katowice ein Dokument, mit dem nichts erledigt werden konnte. Daher entschlossen sich meine Eltern nach einem Aufenthalt in Zamość von 1945 bis 1948 zu einer Reise in die wiedererlangten Gebiete, wo nach einer Ansiedlung in Zielin Miastecki der Vater eine Beschäftigung im Staatlichen Landwirtschaftsbetrieb fand. Bis zum Tode der Eltern kam uns niemand zu Hilfe, und bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt erhielten wir keine Wiedergutmachung für unsere in Włodzimierz Wołyński zurückgelassene Habe.«

Jan Steć.

Gedenken

Kurz nach Kriegsende errichteten Ortsgruppen des Verbandes der Verfolgten des Naziregimes in umliegenden Gemeinden die ersten Gedenksteine für die Toten der REIMAHG. 1965 wurde direkt am Walpersberg ein Mahnmal angelegt; später wurden an weiteren ehemaligen Lagerstandorten Gedenksteine gesetzt. Ehemalige Deportierte und ihre Familien besuchten die Überreste des Flugzeugwerkes bereits in den Fünfziger Jahren und nahmen von Beginn an an den Gedenkveranstaltungen teil. 

Nach den Plänen der Einrichtung eines Munitions- und Waffenlagers für die Nationale Volksarmee der DDR 1974 konnte das Gedenken nicht mehr direkt am Berg stattfinden. Die zentrale Gedenkstätte für die Opfer der REIMAHG wurde im Leubengrund bei Kahla eingerichtet, in dem sich ein Teil der Lager befunden hatte. Dort wurden bis 1990 jährlich zum 8. Mai, dem Tag der Befreiung, offizielle Gedenkveranstaltungen durchgeführt.

Mit dem Ende der DDR wurde das Areal am Walpersberg von der Bundeswehr übernommen. 

Nur noch wenige Einheimische beteiligten sich an den Gedenkveranstaltungen. Das Engagement dieser Wenigen, Vertreterinnen und Vertreter des Kreises und ehemaligen Zwangsarbeitenden, insbesondere des belgischen »Freundeskreises Lager E«, verhinderte, dass die Geschehnisse in Vergessenheit gerieten. 

2003 gründete sich der Verein »REIMAHG e.V.«, aus dem der »Geschichts- und Forschungsverein Walpersberg e.V.« hervorging. 

Seit jenem Jahr finden im Rahmen der offiziellen Gedenkfeierlichkeiten auch wieder Kranzniederlegungen am Berg statt. Überlebende und ihre Angehörigen nehmen weiterhin regen Anteil an den Gedenkveranstaltungen. Durch die Übernahme des Areals durch den Geschichts- und Forschungsverein Walpersberg e.V. im Jahr 2007 wurde der historische Ort der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Verein richtete in Großeutersdorf ein Dokumentationszentrum ein; regelmäßig werden Führungen um die Außenanlagen des Berges angeboten. In ehrenamtlicher Tätigkeit werden in enger Zusammenarbeit mit dem Freundeskreis, dem Landkreis und den Gemeinden die jährlichen Gedenkveranstaltungen organisiert. Zudem werden Forschungsarbeiten und Schulprojekte begleitet, Vorträge und Tagungen durchgeführt sowie Anfragen ans Archiv beantwortet. 

Unter maßgeblicher Beteiligung des Vereins sind diverse internationale Schulprojekte und Partnerschaften sowie mehrere Publikationen zum Forschungskomplexentstanden.

Interessierte, die sich mit der Geschichte auseinandersetzen, forschen und den Verein unterstützen möchten, sind jederzeit willkommen. Weitere Informationen sind auf der Internetseite www.walpersberg.com zu finden. Das Dokumentationszentrum ist unter 036424/784616 bzw. buero@walpersberg.com erreichbar.

Balilla Bolognesi beim ersten Besuch der Gedenkstätte im Leubengrund. 
Quelle: Elsbeth Hubl

Die Zeitzeugen Ermanno Falcioni und Balilla Bolognesi am Modell des Walpersberges im Dokumentationszentrum.
Quelle: GF Walpersberg e.V.

Im Rahmen eines internationalen Vernetzungsprojektes gab es im Mai 2018 einen große Workshop der Kahlaer Schulen mit Jugendlichen aus Castelnovo ne‘Monti und Robecco sul‘Naviglio. Schulpartnerschaften und eine Städtepartnerschaft  sind mit der Erinnerungsarbeit entstanden.
Quelle: M. Gleichmann, Internationaler Verein Kahla e.V.  

Zwangsarbeit und Berufsfreiheit heute

Der Begriff der Zwangsarbeit wird überwiegend im Kontext der NS-Geschichte verwendet und wenige Menschen verbinden ihn mit der Gegenwart. Aber auch in unserer heutigen Gesellschaft gibt es Formen der Zwangsarbeit. So ist zum Beispiel im Grundgesetz festgelegt, dass gegen Gefängnisinsassen Zwangsarbeit angewiesen werden kann. 

Auch taucht das Schlagwort der Zwangsarbeit immer wieder in politischen Debatten auf, in denen Zwangsmittel gegen Menschen ohne Lohnarbeit diskutiert werden. Die Gefahr einer Relativierung des nationalsozialistischen Zwangsarbeitsregimes schwingt dabei unweigerlich mit. Einer Gleichsetzung der damaligen Zwangsarbeit mit heutigen Zwangsmaßnahmen muss stets das unterscheidende Merkmal der NS-Zwangsarbeit als massenhaft angewendetes Mittel der Verfolgung und Vernichtung entgegengehalten werden. 

Es ist ein völlig veränderter Kontext, in dem heutzutage Zwangsarbeit thematisiert und in Haftanstalten legal durchgeführt wird. Gleichwohl bleibt der Begriff alleine aufgrund seiner verfassungsrechtlichen Bedeutung aktuell. Daher soll im Folgenden ein kurzer Ausblick auf die Stellung der Zwangsarbeit im Grundgesetz und auf einzelne Beispiele unfreier Arbeit im Kontext staatlicher Reglementierung unternommen werden.

Eingeschränkte Berufswahl für Strafhäftlinge

Auch das heutige Rechtssystem der Bundesrepublik Deutschland bietet keinen uneingeschränkten Schutz vor Zwangsarbeit. Artikel 12 des Grundgesetzes stellt zunächst das Abwehrrecht gegen staatliche Eingriffe in die Berufsfreiheit dar. Es soll die freie Wahl von Ausbildungs- und Arbeitsplatz sichern, ihre freie Ausübung garantieren und vor staatlich organisierter Zwangsarbeit schützen.

Zwangsarbeit wird in der Gegenwart als »Bereitstellung der gesamten Arbeitskraft für nicht näher begrenzte Tätigkeiten« definiert. Die staatlichen Zwangsmittel zur Beugung des individuellen Willens können physischer oder psychischer Art sein.

Der Schutz vor Zwangsarbeit gilt jedoch nicht uneingeschränkt: Zwangsarbeit darf gegen Strafhäftlinge eingesetzt werden (Artikel 12 Absatz 3 Grundgesetz ). Dies betrifft auch minderjährige Gefangene, die sich in Jugendarrest oder -strafe befinden. In §29 Abs. 1 des Justizvollzugsgesetzbuches heißt es: »Die Straf- und die Jugendstrafgefangenen sind verpflichtet, eine ihnen zugewiesene, ihren körperlichen Fähigkeiten angemessene Arbeit oder sonstige Beschäftigung auszuüben, zu deren Verrichtung sie aufgrund ihres körperlichen Zustandes in der Lage sind.«

Die Wirtschaft profitiert von der Zwangsarbeit in deutschen Gefängnissen. Der unternehmerische Vorteil besteht allgemein darin, dass die verpflichtende Gefangenenarbeit von der Sozialversicherungspflicht und vom Mindestlohn ausgenommen ist. So wirbt beispielsweise die JVA Dresden im Internet bei Unternehmern mit «einer Reihe von Vorteilen» der Inanspruchnahme von Gefangenenarbeit: »Der Unternehmer zahlt grundsätzlich nur für tatsächlich erbrachte Leistungen (Stückpreis). Es entstehen ihm keine Kosten für Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder andere freiwillige Zusatzzahlungen (Urlaubs-, Weihnachtsgeld etc.). Kurze Transportwege reduzieren den Kostenaufwand.«

Artikel 12 Grundgesetz:

 (1) Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausübung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden.

(2) Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht.

(3) Zwangsarbeit ist nur bei einer gerichtlich angeordneten Freiheitsentziehung zulässig.

Webseite der JVA Dresden. 
Abrufdatum 08.04.2020

Eingeschränkte Berufswahl für Menschen ohne deutschen Pass

Die Wahlfreiheit bei der Berufsausübung unterliegt jedoch auch außerhalb von Gefängnissen verschiedensten staatlichen Einschränkungen. Grundsätzlich können sich auf die durch Absatz 1 geschützte Berufsfreiheit nur Angehörige von EU-Mitgliedsstaaten berufen. Angehörige von Ländern außerhalb der Europäischen Union können keinen Schutz auf Grundlage von Artikel 12 des Grundgesetzes beanspruchen.

Weiterhin wird deutschen Behörden mit der Aufenthalts- oder Asylgesetzgebung das Recht eingeräumt, in die Wahl und Ausübung von Beruf und Ausbildung einzugreifen. Dies betrifft vor allem Angehörige von Staaten außerhalb der EU. Die Bundesagentur für Arbeit muss der Beschäftigung von Menschen aus Nicht-EU-Staaten grundsätzlich zustimmen und kann sie auf eine Berufsgruppe beschränken. Dadurch wird die Aufenthaltserlaubnis der Betroffenen von der Ausübung bestimmter Berufe abhängig gemacht.

Im Falle von Geduldeten kann noch stärker in die Berufs- und Ausbildungswahl eingegriffen werden. Geduldet sind jene Menschen, deren Asylantrag zwar abgelehnt wurde, bei denen aber die Abschiebung aus unterschiedlichen Gründen vorerst ausgesetzt ist. Unter anderem kann die Abschiebung für die Dauer einer Ausbildung ausgesetzt werden. Dabei wird den Geduldeten jedoch nur ein einziger Wechsel der Ausbildungsstätte zugestanden. Bei Problemen in der Ausbildung droht also ständig die Abschiebung.

Es gab auch in Deutschland bereits Debatten über die Einführung von verpflichtender Arbeit für Geflüchtete. Derartige Vorschläge aus dem Arbeitsministerium wurden bisher allerdings noch nicht umgesetzt. In Österreich gilt hingegen seit dem 1.1.2019 das Integrationsjahrgesetz. Es verpflichtet Asylberechtigte und Geflüchtete mit befristetem Bleiberecht neben verschiedenen Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen zu verpflichtenden Tätigkeiten im Interesse der österreichischen Wirtschaft. Konkret sollen die Menschen auch in der Forst- und Landwirtschaft eingesetzt werden, um einen dort herrschenden Mangel an Arbeitskräften auszugleichen.

Danksagung

Dank

Diese Ausstellung wurde im Rahmen des Projekts „Thüringen 19_19. Demokratie lernen“ erstellt.

Das Ausstellungsteam dankt dem Förderverein Demokratisch Handeln e.V./Thüringen 19_19, insbesondere Maria Gehre, für die Begleitung und Unterstützung bei der Erstellung der Ausstellung.

Für die (technische) Realisierung der Audio-Inhalte zur Ausstellung bedanken wir uns bei Radio LOTTE Weimar.

Herzlicher Dank gilt Dr. Marc Bartuschka, dessen Buch »Unter Zurückstellung aller möglichen Bedenken« wichtige Grundlage für diese Ausstellung war und der uns, ebenso wie Dr. Harry Stein und Dr. Daniel Logemann von der Gedenkstätte Buchenwald sowie Jens Hild vom Gemeindearchiv Großeutersdorf, mit wichtigen Hinweisen unterstützt hat.
Besonders herzlich bedanken möchten wir uns bei den Überlebenden der Zwangsarbeit bei der REIMAHG, die uns ihre Zeugnisse hinterlassen haben. Ihrem Andenken ist diese Ausstellung gewidmet. Ebenso herzlich bedanken wir uns bei ihren Angehörigen, die uns bei der Realisierung der Ausstellung unterstützt haben, besonders Beatrice Bolognesi, Pinuccia Curti und Andrea Rosoni.

Quellen

Die Inhalte dieser Ausstellung basieren auf eigenen Recherchen, der gängigen Forschungsliteratur sowie den Forschungsarbeiten von Dr. Marc Bartuschka (Bartuschka, Marc: „Unter Zurückstellung aller möglichen Bedenken: Die NS-Betriebsgruppe ‚Reichsmarschall Hermann Göring‘ (REIMAHG) und der Zwangsarbeitereinsatz 1944/1945, Göttingen 2011).

Die Zitate der ehemaligen Zwangsarbeiter*innen basieren auf folgenden Quellen:

  • Balilla Bolognesi: Diario di un deportato, Ancona 2004.
  • Francesco Gervasoni: Nachricht aus dem Nachlass und Informationen zur Person überreicht von Pinuccia Curti
  • Giuseppe Lino Rosoni: Un giovane abile alla prigionia, Vicenza 2016.
  • Jan Steć: Briefverkehr mit Dr. Marc Bartuschka, zur Verfügung gestellt für die Sammlung Geschichts- und Forschungsverein Walpersberg e.V.
  • Marcel van den Steen: Tagebuch über acht Monate Gefangenschaft im Lager Kahla, übersetzt von Katharina Dietrich, Sammlung Geschichts- und Forschungsverein Walpersberg e.V.
  • Janina Przybysz: Erlebnisbericht, Sammlung Geschichts- und Forschungsverein Walpersberg e.V
VereinT Zukunft Bilden e.V.
Thüringen 20+
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GF Walpers-berg e.V.
Großeutersdorf
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