05/2017 Auswertung und Ausblick


Begegnungen, Emotionen und Gemeinsamkeiten im Vordergrund der Kahlaer Italienreise

Darin waren sich die 16 Schülerinnen und Schüler der 7. Klasse aus der Kahlaer Regelschule einig. Die Kontakte mit den altersgleichen italienischen Jugendlichen waren toll, die Menschen freundlich und man wünscht sich ein Wiedersehen mit weiteren Kontaktmöglichkeiten. Dass diese im 21. Jahrhundert auch zwischendrin möglich sind, zeigten die Mädchen und Jungen auch schon vor Ort. In Räumlichkeiten, in denen eine Wifi-Verbindung bestand, wurden Whats-App Gruppen eingerichtet und gemeinsam in drei Sprachen versucht, miteinander ins Gespräch zu kommen.  

„Diese Gespräche, aber nicht nur zwischen den Schülern, sondern mit Vereinen und Verbänden aus Castelnovo ne’Monti und Kahla, waren das Ziel der Reise. Dieses wurde mehr als erfüllt“, sagt Markus Gleichmann, der mit dem Geschichts- und Forschungsverein Walpersberg e.V. neben der Stadt Kahla der Organisator war. „Dass aus der historischen Verbindung von mehr als 60 im Zweiten Weltkrieg aus Castelnovo ne'Monti ins Rüstungswerk REIMAHG nach Kahla deportierten Zwangsarbeiter nun Freundschaften entstehen, ist das Ziel einer jeden Erinnerungspolitik“, gab sich Gleichmann sehr zufrieden mit der Fahrt.  

Die knapp 40 köpfige Reisegruppe aus Kahla bestand aus Vertretern der Stadt um die Bürgermeisterin Claudia Nissen-Roth, einigen Stadträten, dem evangelischen Pfarrer, dem Partnerschaftsverein, dem Demokratieladen, den Elternvertretern und weiteren an der Partnerschaft interessierten Personen. Dass diese Reise ins italienische Apennin kein Urlaub war, zeigt das volle Programm. Unter dem Titel „Words of Europe“ gab es mehrere Ausflüge, die die Kahlaer, gemeinsam mit den italienischen Gastgebern und einer Delegation aus Frankreich, in die Geschichte Europas führten. In der italienischen Gedenkstätte Montefiorino, einer der ersten Partisanenrepubliken, lernten Jung und Alt viel über die Entstehung der italienischen Verfassung, die auf Grund der Erfahrungen mit dem eigenen Faschismus und der Besatzung durch die Nationalsozialisten stark europäisch und humanistisch geprägt ist und auf den Erfahrungen der Widerstandskämpfer basiert. 

Bei einer gemeinsamen Abendveranstaltung mit über 300 Gästen im städtischen Theater präsentierte die Arbeitsgruppe Musik mit einem internationalen Programm von Klassik bis Pop ihr kurz zuvor einstudiertes Repertoire. Ein besonderer Moment war das selbstkomponierte Lied „Pass auf deine Träume auf“ von Pfarrer Matthias Schubert. Mit einer aus den Reisegruppen gemischten Gitarrengruppe brachte er das gemeinschaftliche und grenzenlose Gefühl der Teilnehmenden auf den Punkt. Im Anschluss präsentierte Markus Gleichmann in einem Kurzvortrag die Geschichte des Rüstungswerkes und der Zwangsarbeiter. Gemeinsam mit dem Institut „Istoreco“ konnte er viele Namen von deportierten und verstorbenen Zwangsarbeitern aus der italienischen Kleinstadt rekonstruieren. 

In ihrem Grußwort war sich die Kahlaer Bürgermeistern Claudia Nissen-Roth sicher: „Wir wollen auch den letzten Schritt der Städtepartnerschaft, nämlich einen gleichlautenden Ratsbeschluss in Kahla und Castelnovo ne’Monti beschließen.“ Dafür erntete sie vom Publikum viel Beifall.  

Am letzten Tag des Programms standen zum italienischen Tag der Befreiung vom Faschismus die „Worte der Erinnerung" im Vordergrund. Traditionell begeht die Gemeinde Castelnovo ne’Monti diesen Tag mit einem Erinnerungsmarsch zu den Gedenkstätten der Stadt. Etwa 200 Menschen gingen in ehrendem Gedenken von Monument zu Monument. Darunter auch das Denkmal an die Frauen, die als Partisanen gegen die italienischen Faschisten und deutschen Besatzer gekämpft und gearbeitet haben. Mit 91 Jahren berichtet Castagnetti Giacomina noch heute vom entbehrungsreichen Leben in den Bergen und den Gefahren und Leiden, die diese Frauen durchmachen mussten. Diese Zeitzeugenperspektive zog insbesondere die Jugendlichen der Regelschule Kahla in ihren Bann, da viele der Partisanen-Frauen mit ihren damals 14 und 15 Jahren nicht viel älter waren als sie heute.  

Bei der anschließenden Kundgebung am Hauptmarkt der Stadt berichteten Schüler aus Castelnovo ne’Monti über die Fahrt nach Kahla im Dezember, aber auch von anderen Projekten zur Geschichtsaufarbeitung der drei Schulen der Stadt.  

Traditionell übergaben überlebende Partisanen die italienische Verfassung und die Verfassung der Europäischen Union an die volljährig gewordenen Jugendlichen der Stadt. Secondo Marcini hat als damals 20-jähriger als Partisan gekämpft und einige seiner fünf Brüder dabei verloren. „Dafür haben wir nicht so viele Opfer gebracht“, sagte er in einer wütenden Rede über das Erstarken der Rechtspopulisten in ganz Europa. Er rief die jungen Menschen dazu auf, die Werte des Humanismus, des Friedens und der Solidarität mehr zu würdigen. „Ich bin zu alt, es liegt nun an euch!“. 

Am frühen Morgen des Rückreisetages besuchte die Kahlaer Delegation die Mittelschule in Castelnovo. Diese Visite traf den Nerv der Schülerinnen und Schüler, denn so lernten sie das tägliche Leben der neuen Freunde kennen und konnten sich noch einmal voneinander verabschieden. Dass dieser Abschied nur auf Zeit sein würde, darin waren sich alle einige. In einer Beratungsrunde der Bürgermeister, der Partnerschaftsvereine und der Organisatoren einigte man sich auf die Fortsetzung des Projektes vom 8. bis 13. Mai in Kahla.  

Für die Organisation wird ab Juni in Kahla mit verschiedenen Vereinen und Verbänden gesprochen. Wer sich bei diesem Projekt einbringen möchte, wird gebeten, sich bei der Stadt (info@stadt-kahla.de) oder Markus Gleichmann (mgleichmann@walpersberg.com) zu melden.