Denunziation und Unterstützung


Auf dem Weg von den Lagern zu den REIMAHG-Werken und auf der Suche nach Lebensmitteln kamen die ZwangsarbeiterInnen auch mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt. Jan Stec erzählt darüber

Am ergiebigsten erwies sich das Bettelngehen. Gemeinsam mit meinem Freund, meinem Altersgefährten Kazimierz Grzesiuk begaben wir uns in Dörfer, die fünf und auch mehr Kilometer weg vom Lager entfernt waren. In den am Lager näher gelegenen Dörfern konnte man nichts bekommen, denn es gab zu viele bedürftige in ihrer Nähe, und außerdem war es den Deutschen verboten, Zwangsarbeitern Unterstützung zu gewähren, zum anderen erhielten die Deutschen ihre Lebensmittel nur auf Zuteilungskarten. Wir gingen je nach gegebenen Möglichkeiten recht weit weg, um etwas zu erbetteln, insbesondere etwas zum Essen zu erbitten. Es war dies ein großes Risiko, denn wir ängstigten uns vor der Gendarmerie wie auch vor der deutschen Jugend, die uns häufig aus den Dörfern hinausgetrieben hat. Der Hunger war jedoch stärker als die Angst.

Und Janina Przybysz erinnert sich an folgende Geschichte

Wir wurden durch Deutsche auch denunziert. Zum Beispiel erlaubte uns einer der uns beaufsichtigenden Deutschen, einige Kartoffeln für die geleistete Arbeit mitzunehmen. Nach unserem Weggang verständigte er die Polizei, dass wir die Kartoffeln gestohlen hätten. Auf der Polizeiwache wur¬den wir nach einer persönlichen Durchsuchung in einer uns in unserer Würde als Frau und Mensch erniedrigenden Art und Weise beleidigt. Einige von uns, die mehr Kartoffeln hatten als andere, wurden ins Gesicht geschlagen. Als wir hinausgingen, sagte uns einer der Polizisten, dass wir im Wiederholungsfalle erschossen würden.

Ein Stück Menschlichkeit erlebte Balilla Bolognesi

Mein Bruder Giuseppe arbeitet nicht immer mit mir zusammen, auch wenn er in derselben Baracke untergebracht ist, und auch nicht mein Cousin Walter, der seit mehr als einem Monat dem Transport von Gleisen für eine Bahnlinie zugeteilt ist. Es ist eine sehr harte Arbeit, weil er den ganzen Tag zusammen mit einem anderen schwere Schienen auf der Schulter transportieren, zu ihrem Bestimmungsort bringen, ablegen und dann wieder eine neue Schiene aufnehmen, transportieren und ablegen muss, immer wieder. Er war sehr ausgezehrt und erschöpft, der arme Junge. Und so sagte er zu mir: „Ich habe in Kahla eine sehr menschliche deutsche Familie kennengelernt, die mir im Gegenzug für kleinere Arbeiten, die ich machen wollte, Brot und andere Lebensmittel gegeben hat. Ich kann nicht mehr nach Kahla gehen, weil ich mich nicht gut fühle; geh du zu dieser guten Frau. Sie heißt Margarethe und besitzt das Lebensmittelgeschäft in der Roßstraße 8.“ Sobald es mir möglich war, begab ich mich in das Geschäft. Ich wartete, bis niemand mehr drin war und sagte der Frau Margarethe, dass ich der Cousin von Walter sei und an seiner Stelle gekommen wäre, weil es ihm gesundheitlich nicht gut ging – ihr tat das sehr leid. Ich fragte, ob es etwas zu tun gäbe, ich übernahm einen kleinen Warentransport, dann gab sie mir Brot und andere Lebensmittel für mich, meinen Cousin und meinen Bruder.

Vladimir Markijanovič Kibkalo aus Moldawien wurde bei der Flucht unterstützt

Im Lager ging das Gerücht um, die Deutschen würden die Gefangenen erschießen. Ende April sagte [meine] Arbeitgeberin [Liesa Verter, eine Bäuerin aus Dienstädt] dass wir aus dem Lager fliehen müssten. Als ich fragte, wie und wohin flüchten, antwortete sie – zu mir. Sie hatte alles geplant. Sie gab mir eine Kneifzange dafür, dass ich eine Öffnung in den Zaun schneiden konnte, der das Lager umgibt, und um drei Uhr nachts flüchtete meine gesamte Familie. Die Arbeitgeberin erwartete uns an vereinbartem Platz. Dann führte sie uns zu sich und verbarg uns in der Scheune auf dem Heuboden. Dort saßen wir zehn Tage und Nächte „wie Mäuse“. Die Arbeitgeberin versorgte uns, aber als die amerikanischen Truppen kamen, wurden wir von ihnen mit Marschverpflegung versorgt.