Albit - Rothenstein / Thüringen


Deckname "Albit" - Rothenstein / Thüringen

Zur Übersichtskarte aller auf dieser Seite beschriebenen U-Verlagerungen.

Die Rothensteiner Felsen

Die Bergbaugeschichte der Rothensteiner Felsen begann um die Jahrhundertwende, um 1890. Der Ausstoß der Porzellanherstellung, ob technische Keramik in den Hermsdorfer Hescho-Werken oder das Gebrauchsporzellan aus den Kahlaer Porzellanwerken erhöhte sich fortlaufend und wurde ein wichtiger Konjunkturfaktor in Ostthüringen. Neben großen Fabriken entstanden viele neue Sandgruben. Da der über Tage geförderte Sand nicht die benötigte Qualität bot, grub man Stollen in den Sandstein der umliegenden Gebirgszüge. 

Die Abbautätigkeit in den Rothensteiner Felsen kam schon mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs weitgehend zum Erliegen. Aus Sicherheitsgründen wurde nach dem Ersten Weltkrieg ein Teil des Stollensystems verschlossen. Andere Teile konnten für die Champignonzucht und für die Lagerung von Obst- und Gemüse genutzt werden. 

Die Verlagerung der ZEISS-Werke Jena

Übersicht der U-Verlagerungen des Hauptausschuss Feinmechanik und Optik im RMfRuK

Betrieb Standort Quadratmeter geplant / fertig gestellt bis Kriegsende
Carl-Zeiss Jena
Deckname „Albit“
Rothenstein 14.000 m² / 10.000 m²
Carl-Zeiss-Jena
Deckname „Schnäpl“
Südwerk Jena 8.000 m² / k.A.
Zeiss-Ikon AG Dresden
Deckname „Zander“
Nenntmansdorf 11.000 m² / 2.500 m²
Ernst-Leitz, Wetzlar
Deckname „Aal“
Stollen Leitz, Wetzlar 3000 m² / 600 m²
Hendold, Wetzlar
Deckname „Delphin“
M. Hendold Söhne, Wetzlar 2.700 m²/ k.A.
Svarowski, Wattens
Deckname „Siderit“
Tirol 2.800 m²/ k.A.
Steinheil, München
Deckname „Blauhai“
Schramberg 2.380 m² / k.A.
Rodenstock, München
Deckname „Kathi“
Brauereikeller Bürgerbräu München 2 2.380 m² / k.A.

Von den begonnenen Verlagerungen für die Fertigung von Feinmechanik und Optik, war das Stollensystem in Rothenstein, das als erstes mit der Produktion beginnen konnte und auch am weitesten fertig gestellt war. 

Am 26. Juni 1944 stellte die Firma Carl-Zeiss das Bauvorhaben dem Bergamt Weimar vor. Zeiss plante mit 20.000 m² Produktionsfläche und nicht nur mit den von dem Feichmechanik-Ausschuss festgelegten 14.000 m². Die bergpolizeiliche Aufsicht übernahm das Bergamt Weimar. Ebenfalls im Juni 1944 wurde das Stollensystem unter „Albit“ in die Decknamenliste des RMfRuK aufgenommen und dem „Jägerstab“ unterstellt. Der im gleichen Monat gegründete Stab übernahm zu diesem Zeitpunkt schon längst mehr, als seine eigentliche Aufgabe der Forcierung der Jagdflugzeugproduktion. Man erhöhte nochmals das Ziel an Fertigungsraum, der zur Verfügung gestellt werden sollte auf 30.000 m². 

In einem Bericht des Bergamts Weimar vom 27. Juli 1944 heißt es, dass in den Stollen 1 bis 10 die Fertigung schon „bald“ aufgenommen werden soll. Als Problem wurde in diesem Schreiben auch das Fehlen von qualifiziertem Fachpersonal, vor allem Hauer, gesehen. Von den benötigten 500 Arbeitskräften standen lediglich 100 zur Verfügung. 

Bis zum September 1944 wurden schon 8.000 m² aus den Felsen herausgebrochen. Die Hauptplanung der Anlage in Rothenstein führte das Ingenieurbüro „Theodor Vogel“ aus Schonungen am Main durch. Am 8. September 1944 wurde bekannt, dass Zeiss eine weitere Anlage zur Fertigung unter Tage einrichten will. Erst unter dem Decknamen „Albit II“, später unter „Schnäpel“, sollte die Anlage direkt in Jena entstehen (siehe „Zeiss-Südwerk - Deckname Schnäpel“, S. 144). Die Firma Dykerhoff & Widmann AG sollte mit dem vorhandenen Personal das Bauvorhaben „Albit I“ beenden und dann in die Bauarbeiten in Jena immigrieren. Diese wurden von der Firma Walther aus Berlin geplant und durchgeführt.

Für die Fertigstellung benötigte man weitere Arbeitskräfte, die nach und nach zur Verfügung gestellt wurden. Am 15. September 1944 waren insgesamt 291 Personen beschäftigt: 

Arbeiterbestand der Projekte „Albit I“ und „Albit II“ am 15.09.1944

Arbeitskräfte vorhanden noch erforderlich
Mineure - Bergleute Albit I: 18
Albit II: 10
2
60
Maurer Albit I: 24
Albit II: 3
4
10
Zimmerleute Albit I: 23
Albit II: 2
-
10
Zement- und Betonarbeiter Albit I: 2
Albit II: 5
-
-
Bauhilfsarbeiter Albit I: 27
Albit II: 10
-
30
Metallarbeiter Albit I: 5
Albit II: 10
-
10
Sostige gelernte und ungelernte Arbeiter Albit I: 125
Albit II: -
50
70
Franz. Kriegsgefangene Albit I: 27
Albit II: -
23
-

Stollenpläne Rothenstein

  • Stollenplanung Deckname "Albit"

  • Zustand der Anlage nach Umbau durch die NVA.

Die Anzahl der Ausländer auf der Baustelle war zu anderen Objekten vergleichsweise gering. Die Arbeitskräfte wurden in den umliegenden Gemeinden und der Stadt Jena untergebracht. Über Arbeitsunfälle, Tote, Krankenheiten und Arbeitsumstände war bisher nichts in den Archiven zu finden.

Am 31. Oktober 1944 meldete das Bergamt Weimar, dass die Stollen 1, 7, 8 und 9 mit Fertigungen belegt sind und eine Gesamtfläche von 2.580 m² inne hatten. Im November 1944 wurde in weiteren Stollen gefertigt, die eine Länge von jeweils 70 - 80 m hatten. Die Fertigung umfasste Bauteile für das Kriegsmarinearsenal Mitte aus Kiel. Es sollten Periskope, Prismen und Entfernungsmesser hergestellt werden. Dazu baute man in dem Stollensystem eine Art Taktstraße auf.

Die Stollenbereiche wurden in „Fertigungschwerpunkte“ geteilt. Diese waren „Disos und Sehrohre“, „Angriffssehrohre und UR-Optik“ und „Disvau“. Allmählich wurden weitere Stollen der Fertigung übergeben. Allgemein fehlte es jedoch an Hauern und Material für die Fertigstellung der Anlage. Über Tage wurden mehrere Halden für den Stollenaushub angelegt. 

Die Anzahl der Beschäftigten stieg bis zum 30. Dezember 1944 auf 390 Deutsche (300 davon in der Fertigung, 90 beim Bau) und 180 ausländische Zwangsarbeiter (alle im Bau beschäftigt). Berichte des Bergamts zufolge wurde für die Ausländer nur ein Aufseher zugeteilt. Bis zum 3. März 1945 konnten die ersten beiden Bauabschnitte fertig gestellt werden. Mit einem dritten Abschnitt wurde begonnen. 

Nachdem die Amerikaner die Anlage am 13. April 1945 übernahmen, ordneten sie den Abtransport der Maschinen nach Jena an. Nach der Übergabe Thüringens an die Rote Armee wurden die Maschinen als Kriegsreparationen demontiert und in die Sowjetunion gebracht. Im Februar 1946 teilte Carl-Zeiss Jena mit, dass keinerlei Gegenstände mehr in Rothenstein vorhanden sind.

Die Nachnutzung der Rothensteiner Felsen

Blick vom Trompeterfelsen auf den Außenbereich der UTA Rothenstein. Im Gegensatz zu vielen Gerüchten, endet der Gleisanschluss vor dem Eingangsbereich.

Die Sowjets nutzten Teile der Anlage als Sprengstoff- und Munitionslager, bis es Ende der 1940er Jahre endgültig leer geräumt wurde. Es folgten 15 Jahre zivile Nutzung durch ein OGS-Lager. Bis zu 300 t Obst, später auch Motorroller des Typs „Berlin“, wurden in den Stollen gelagert. 

Eine erneute militärische Nutzung erfuhr die Anlage durch das „Komplexlager 22“ der NVA, ab dem Jahr 1974. Die Firma VEB Schachtbau Nordhausen und einige Handwerksfirmen der näheren Umgebung bauten für den zweiten Standort des KL-22 eine zwölf Hektar große Anlage im Rothensteiner Felsen aus. Für den reibungslosen An- und Abtransport der eingelagerten Gegenstände wurde eine Zuganbindung von der Saalebahn errichtet. Die Anlage konnte im Notfall hermetisch abgeriegelt werden und somit Detonationen von Atomwaffen in näherer Umgebung funktionstüchtig widerstehen. Das Objekt war in drei Bereiche eingeteilt, die sich vom Süden nach Norden anordnen. Jeder dieser Bereiche hatte bestimmte Funktionen und konnte separat abgeriegelt werden. Im ersten Bereich befand sich der Sozialtrakt und die Unterkünfte für eine ständige Besatzung der Anlage. Die Bereiche 2 und 3 waren das eigentliche Herzstück der Anlage. Hier wurden die Waffen sowie die Munition gelagert. Neben der direkten Lagerfläche war anfangs auch ein Produktions- und Abfüllbereich für Munition gedacht. Diesen Gedanken ließ man auf Grund des Risikos einer ungewollten Explosion wieder fallen. Nur eine Prüfanlage für Munition wurde erhalten, um gelagerte Munition bei Bedarf wieder aufzufüllen.

Damit die Anlage autark geschlossen werden kann, gibt es noch heute drei gewaltige hydraulische Tore. Nur in der heute als Bundeswehr-Sanitätsdepot genutzten Anlage in Blankenburg (ehemalig KL-2) gibt es stärkere Tore. In Rothenstein muss der Hydraulikkompressor 23 t Stahl zum Öffnen und Schließen bewegen. Der Strom wird durch drei große Netzersatzaggregate abgesichert. Mit einer Gesamtleistung von 540 kW konnte der Komplex reibungslos betrieben werden. Für den Ernstfall standen 40.000 Liter Diesel zur Verfügung.