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Der Weg vom Schweigen zum Reden, vom Hass zur Freundschaft. 
Delegation aus Kahla zu Gedenkveranstaltungen im italienischen Collegno (Turin)

Auf Einladung des Bürgermeisters Francesco Casciano und des Stadthistorikers Davide Morra, der schon seit 2015 jährlich an den Gedenkfeierlichkeiten zu Ehren der Opfer der REIMAHG in Kahla und Umgebung teilnimmt, besuchten die Kahlaer Bürgermeisterin Claudia Nissen-Roth und Markus Gleichmann vom Geschichts- und Forschungsverein Walpersberg e.V. vom 15. bis 17. Januar 2018 die Stadt Collegno. 

Die Stadt hat aktuell ca. 50.000 Einwohner und liegt nur wenige Meter westlich vor der Metropole Turin. Im vergangenen Jahrhundert wuchsen beide Städte zusammen und bilden heute zusammen mit anderen Orten eine Metropolregion. Jährlich werden im Rahmen des Holocaust-Gedenktages (27. Januar) verschiedene Veranstaltung zur Erinnerung an die Vernichtung der Juden, sowie Deportation und Ermordung von tausenden Einwohnern der Stadt organisiert. In diesem Jahr wurde am 16. Januar eine Stolpersteinverlegung für den nach Auschwitz deportierten und ermordeten Jugendlichen Massimo De Benedetti durchgeführt. Im Anschluss der Stolpersteinverlegung fand eine Diskussion mit Vertretern Collegnos, verschiedenen Museen und dem Historischen Institut Rom statt.

In dieser Debatte informierte Morra über die nach Kahla deportierten und dort zur Zwangsarbeit im Rüstungswerk REIMAHG gezwungenen Bürger der Stadt. Darunter befand sich auch sein Großvater, der als gebrochener Mann nach dem Krieg zurückkehrte. Niemals sprach er mit seinen Angehörigen über die Zeit in Kahla. Dokumentationen über den Zweiten Weltkrieg im Fernsehen mussten abgeschalten werden, wenn er den Raum betrat, erinnerte sich sein Enkelsohn. Als er Deutsch in der Schule lernen wollte, stimmte ihn sein Großvater um. Den Hintergrund dazu konnte der Historiker erst einige Jahre nach dem Tod seines Opas herausfinden u.a. in Archiven, wie im Kreisarchiv Saale-Holzland-Kreis und den Akten des Geschichts- und Forschungsvereines.  

In der Veranstaltung wusste Davide Morra folgendes zu berichten: „Zwischen Mai und Juni 1944 in Kahla eingetroffen, haben die jungen Männer aus Collegno, die noch nicht einmal 20 Jahre alt waren, ihr entschiedenes ‘Nein’, dass sie dem faschistischen Regime Italiens entgegenbrachten, mit Deportation und Zwangsarbeit bezahlt. Ihr Leben war durch diese Erfahrung gezeichnet: sie erzählten wenig über das Leben im Lager, viel Schweigen war auch nach Jahrzehnten in ihren Augen, und immer noch große Angst, die verarbeitet werden musste. Einer von ihnen hat sein ganzes Leben lang mit einer eingeschalteten kleinen Lampe geschlafen: die Dunkelheit erinnerte ihn zu sehr an die Stollen des Walpersberges.“

Die Bürgermeisterin Claudia Nissen-Roth nahm den Bericht in Ihrem Redebeitrag auf: 
„Als Bürgermeisterin der Stadt Kahla habe ich auch die Verantwortung die dunkle Geschichte unserer Region aufzuarbeiten und als grausamen Teil der Historie zu akzeptieren. Etwa 15.000 Menschen, etwa 4.000 aus Italien wurden zum Ende des Zweiten Weltkrieges nach Kahla zur Errichtung des Rüstungswerkes REIMAHG aus ganz Europa deportierte. Mindestens 2.000 Menschen starben innerhalb von 12 Monaten auf Grund von Krankheiten, Hunger, Exekutionen und den unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Dieser Teil der Geschichte wird für immer mit unserer Stadt verbunden sein. Zu Recht! Denn die Erinnerung an diese schrecklichen Taten zeigt die Verantwortung, die wir und folgende Generationen haben. Niemals wieder!“ Sie dankte den Initiatoren der Veranstaltung.

Markus Gleichmann betonte in seinem Beitrag, dass hinter den Zahlen von 15.000 Menschen, die Zwangsarbeit leisten mussten, und den Opfern jeweils Schicksale und Geschichten stehen, von denen jedes Einzelne unschätzbaren Wert hat, aufgearbeitet zu werden. Er lud die Stadt und vor allem die Jugend aus Collegno ein, nach Kahla zu kommen, um sich gemeinsam mit Jugendlichen vor Ort mit dieser gemeinsamen Geschichte auseinanderzusetzen und sich kennenzulernen. Dies schütze davor, dieselben Fehler erneut zu machen, die Hass, Gewalt und Leid über Europa und die Welt gebracht haben. 

Neben den historischen Diskussionen und Veranstaltungen gab es für die Delegation aus Kahla Zeit, sich in individuellen Gesprächen mit Funktionsträgern der Stadt kennenzulernen und die Stadt und Region kennenzulernen. An der Veranstaltung nahmen ebenfalls Vertreter der italienischen Stadt Castelnovo ne’Monti teil, zu denen Kahla seit einigen Jahren intensive Kontakte aufgebaut hat. 

Im Mai werden sich alle Beteiligten in Kahla zu den offiziellen Gedenkfeierlichkeiten wiedersehen. Mit den Kahlaer Schulen und Schulen aus den italienischen Orten Castelnovo ne’Monti und Robecco sul’ Navglio ist ein umfangreicher Workshopprozess vom 8. Bis 13. Mai geplant. Die Stadt Kahla und der Geschichts- und Forschungsverein Walpersberg erwarten etwa 130 Schüler, sowie 150 weitere Gäste aus ganz Europa. Die Vorbereitungen für das Gesamtprogramm, in denen noch weitere Partner aus Kahla und Umgebung involviert sind, werden aktuell finalisiert und werden ab Februar veröffentlicht.